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wesen in Augenblicken vernichten. Hier lernt der menschliche Geist, sich gerne bescheiden! Der Abiturient der modernen Sprachgymnasien verläſst die Schule— die Lehren der Biologie, von denen er Jahre lang nichts mehr gehört hat, sind spurlos an ihm vorüber gegangen. In unserer Zeit hält man so gern und so viele Kongresse ab, soziale, hygienische u. a. Man will die Lebenslage der Menschheit so gerne heben und bessern. Doch ach! man findet nicht den Angel- und Schwer- punkt! Die 20 jährigen Jünglinge, welche das Gymnasium verlassen, sind mit vielem Wissen gespickt, doch von ihrem eigenen Körper, von seinen Lebens- funktionen wissen sie nichts! Blind und unwissend stehen sie den Gefahren des Lebens gegenüber! Weniger Sprachen und mehr Naturwissenschaft in unseren höheren Schulen würde uns ungemein vorwärts bringen!
Wenn wir an unserer Liebig-Realschule speziell für den biologischen Unterricht etwas mehr, als gewöhnlich der Fall ist, geschaffen haben, so verdanken wir dies nicht zum geringsten dem Verständnis und dem Interesse, welches die Leitung unserer Schule der Angelegenheit entgegen bringt. Unsere Liebig-Realschule gehört ja nur einem Vororte Frankfurts an. Mit Stolz und Genugtuung berichtet gern die Frankfurter Presse über preisgekrönte Frankfurter technische und industrielle Firmen, deren Leistungen wesentlich Resultate der Naturwissenschaft sind. Doch siehe— genau betrachtet— sind es zum grolsen Teile Bockenheimer Firmen! Wenn eine Schule Anspruch hat auf eine reale Vollanstalt, die zu jenen technischen Be- rufen vorbilden soll, so ist es die in dem industriereichsten Stadtteile Frankfurts gelegene Liebig-Realschule!
Das deutsche Volk ist in die erste Linie der groſsen Industrie- und Handels- nationen eingetreten. Dies verdankt es den erstaunlichen Erfolgen der Naturwissenschaft und der Technik. In unaufhörlichem Wettkampf suchen andere grofse Kulturvölker Deutschland den Rang streitig zu machen: England und noch mehr Nord-Amerika. Namentlich die Amerikaner sind sich ihrer Aufgabe wohl bewuſst: in ihren Schulen nimmt die Naturwissenschaft längst die dominierende Stellung ein. Amerika ist drauf und dran, das alternde Europa aus dem Sattel zu heben. Wollen wir unsere Weltmachtstellung behalten, wollen wir vorwärts kommen in dem unerbittlichen Kampfe der Völker, so muls die schon von Humboldt aufgestellte Forderung erfüllt werden: die Natur- wissenschaft mufs neben dem Deutschen und der Geschichte der Mittelpunkt des gesamten Schulunterrichts werden. Nichts kann diese Forderung glänzender erhärten als das Leben und Wirken Liebigs! Wir sind uns wohl bewulst, dals es noch viel Kampf deshalb kosten wird, aber es muſs und wird so weit kommen! Wir Vertreter der Naturwissenschaft halten uns an das Wort Shakespeares, das dem groſsen Forscher Gaufs als Wahlspruch diente, das Liebig in allen Lagen seines erfolgreichen Lebens vor Augen leuchtete, das Wort Shake- speares:„Natur, du meine Göttin, dein Gesetz ists, dem ich diene“!—


