Aufsatz 
Festrede zur Liebig-Feier am 16. Mai 1903
Entstehung
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8 freund, dem die Not der Armen ans Herz schlug, der die gewaltigen Resultate seiner Forschung der Wissenschaft zur Ehre, der Menschheit zu Nutz und Frommen verwendet sehen wollte: wahrlich ein würdiges und glänzendes Vorbild für eine höhere Schule!

Auf den groſsen Resultaten Liebigs fufsend nahm die Chemie in Deutschland eine rasche, unerwartete Entwicklung. Ein zweites leuchtendes Doppelgestirn der chemischen Wissenschaft, Bunsen und Kirchhoff, machte die groſse Entdeckung der Spektral-Analyse. Hierdurch wurde die Chemie über den Rahmen irdischer Forschung hinausgerückt, sie wurde befähigt, die fernsten Welten des gestirnten Himmels chemisch zu zergliedern. Eine groſse Reihe anderer Forscher hat die Chemie in herrlicher Weise gefördert. Wenn auch die wichtigste Frage der Mensch- heit, die Beseitigung der Brotfrage, der Chemie noch nicht gelungen ist, wenn auch die Herstellung von Stärke aus Kohlensäure und Wasser noch lange Zeit ein un- lösbares Problem bleiben wird, so erscheint doch die Möglichkeit, jene Frage zu lösen, nicht ausgeschlossen. Wir wissen: die Holzfaser hat genau dieselbe chemische Zusammensetzung wie die Stärke. Es gilt also nur die Aufgabe zu lösen: Holz- faser in Stärkemehl umzuwandeln! Damit aber wäre die Möxglichheit erlangt, die Nahrungsproduktion ins Unermelſsliche zu steigern: das Holz der Wälder, das Gras der Wiesen, selbst Stroh und Spreu würden eine unerschöpfliche Quelle mensch- lichen Nahrungsstoffes bilden. Den Weg zur Lösung dieser hochbedeutsamen Auf- gabe hat Liebig angedeutet. Ihre Lösung selbst würde der höchste Triumph seiner Forschungsmethode sein!

Als am Schlusse des eben vergangenen Jahrhunderts die Kulturvölker der Welt sich anschickten, alle grofsen Errungenschaften des menschlichen Geistes auf der Weltausstellung in Paris zur Anschauung zu bringen, nahm auch das deutsche Reich Anteil an diesem Konkurrenzkampf der Völker. Auf vielen Gebieten erreichten die deutschen Erzeugnisse die gleiche Höhe wie die anderen Völker. In der Chemie allein und der chemischen Industrie hatte Deutschland alle konkurrierenden Völker überholt. Was man bisher vergebens erstrebt hatte, die Synthese des Indigo und andere Groſstaten, waren glänzend gelungen. Neidlos und voll Bewunderung verneigten sich alle Vertreter dieser Wissenschaft vor dem deutschen Triumphe!

Welche Stellung nimmt diese sieggekrönte Wissenschaft, die Chemie, zur Zeit in dem Lehrplane unserer höheren Schulen ein? Eine gar bescheidene! In unserer immer noch vornehmsten Schule, dem Gymnasium, ist sie mit keiner einzigen selb- ständigen Stunde vertreten: es wird nur gelegentlich in einem andern Unterrichts- fache einiges aus der Chemie angedeutet. Als ein wirkliches Unterrichtsfach er- scheint die Chemie nur in den Realanstalten. Aber auch hier ist sie an den Nichtvollanstalten auf 2 Stunden eines Jahreskursus beschränkt: sie hat nur einen propädeutischen Charakter. Nur in der Oberrealschule kommt die Chemie als wissenschaftliches Lehrfach zur vollen Geltung. Ist deshalb der NameLiebig-Realschule für unsere Anstalt wirklich passend gewählt? Liebig, der gefeierte Heros dieser Wissenschaft, soll seinen ruhmvollen Namen einer Schule geben, in der das Fach seiner ausschlieſslichen Tätigkeit in nur so geringem Um- fange gelehrt werden kann? Nun ich denke, die Behörden, welche unserer Schule den Namen beilegten, waren sich wohl bewuſst, daſs nur eineLiebig-Ober- realschule denkbar und auch nur beabsichtigt war. Möge aber die Ausführung dieser Absicht nicht allzu lange auf sich warten lassen! Der Oberrealschule aber ist durch die neueste Gestaltung des Unterrichtswesens eine frohere Zukunft in