Aufsatz 
Festrede zur Liebig-Feier am 16. Mai 1903
Entstehung
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auf eine exakte naturwissenschaftliche Grundlage. Nur dadurch gelang es der Land- wirtschaft, ihre Erträge zu vervielfachen. Nach 16 Jahren der angestrengtesten Tätigkeit stellte Liebig die gewonnenen Resultate zusammen in seinerChemie, angewandt auf Agrikultur und Physiologie. Zwei Jahre später veröffentlichte er seine weiteren Untersuchungen in seinerTierchemie. In Anerkennung seiner gewaltigen wissenschaftlichen Verdienste wurde Liebig vom damaligen Groſsherzog von Hessen in den erblichen Freiherrnstand erhoben. Die deutschen Landwirte er- kannten Liebigs Verdienste an durch ein groſses Ehrengeschenk, das Liebig zu einer Stiftung für die Förderung der Agrikulturwissenschaft bestimmte.

Im Herbst 1852 folgte Liebig einem Rufe an die Universität München. Der Kunst und Wissenschaft liebende Bayernkönig Maximilian II. überhäufte den groſsen Forscher mit zahlreichen Ehrenbezeugungen. Liebig wurde Vorsitzender des Kapitels des Maximilianordens für Wissenschaft und Kunst, er wurde Präsident der Akademie der Wissenschaften, General-Konservator der wissenschaftlichen Sammlungen des Staates und anderes mehr. Bei diesen vielen Ehrenämtern litten seine eigentlichen wissenschaftlichen Arbeiten keineswegs Not. In steter gemein- samer Arbeit mit Wöhler mehrten sich beider Erfolge von Jahr zu Jahr in ungeahnter Weise. Liebigs aufserordentlich zahlreiche Arbeiten wurden in alle damaligen Weltsprachen übersetzt. Seine Darstellung und Einführung des Fleischextraktes ist seine bekannteste, aber durchaus nicht bedeutendste Arbeit. Der Fleischextrakt ist die zur Konsistenz eingedampfte Fleischbrühe. Er enthält lediglich alle in Wasser löslichen Bestandteile von reinem Muskelfleisch. Da also weder Fette, Leimsubstanz noch Eiweiſs vorhanden sind, so ist der Fleischextrakt, den sog. anregenden Genulsmitteln, nicht den eigentlichen Nahrungsmitteln zu- zuzühlen. Anfänglich wurde Liebigs Fleischextrakt von einem Hamburger Kauf- mann und Fabrikanten in Uruguay in Süd-Amerika hergestellt. Jetzt ist das ganze Unternehmen an eine englisch-belgische Aktiengesellschaft übergegangen.

Liebigs innige Freundschaft mit Wöhler wurde mit zunehmendem Alter immer herzlicher. Nicht nur über wissenschaftliche Dinge unterhielten sich beide Forscher auch die Fragen des alltäglichen Lebens erörterten sie in ihrem ununterbrochenen Briefwechsel. In ihm tritt neben der unauslöschlichen Freundschaft auch die Ver- schiedenartigkeit beider Männer und Charaktere recht deutlich zu Tage. Wöhler, der schwermütige, immer ernste Gelehrte, der die Welt, das ganze Dasein mit pessi- mistischen Blicken anschaut, wendet sich oft voller Sorgen an seinen Freund. Der heiter veranlagte und stets lebensfrohe Liebig weils immer wieder seinen Freund aufzurichten und zu beruhigen. Ubereinstimmend mit manchen Philosophen er- scheint dem alternden Wöhler trotz seiner groſsen Erfolge alles menschliche Wissen und Streben eitel und vergebens. Bangend stellt er seinem Freunde die Frage: Was wird nun nach unserem baldigen Abschiede vom Leben aus uns werden? Voll Zuversicht und freudiger Hoffnung antwortete Liebig:Was auch nach meinem Tode aus mir werden mag, ich bin sicher, daſs es das denkbar Beste sein wird. Am 18. April 1873 starb Liebig in München. Sein in den gleichen Jahren stehender Freund überlebte ihn noch um ein ganzes Jahrzehnt. Denkmäler sind dem groſsen Forscher errichtet worden in Darmstadt, Gieſsen und München. Seine gewal- tigen Geistesarbeiten sind das Eigentum der ganzen Menschheit geworden. So steht es heute vor uns, das Bild Liebigs: der schwer um seine Geistesbildung ringende Knabe, der wissensdurstige und strebsame Jüngling, der von der Welt angestaunte überaus erfolgreiche Forscher, dem Arbeit der gröſste Genuls ist, der treue Freund seines groſsen Rivalen, der noch gröſsere Menschen-