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kein methodischer Unterricht. So verwendete denn Liebig die ersten Jahre fast, ausschliefslich auf die Verbesserung der Methoden, namentlich der organischen Analyse, die bis dahin noch völlig unbekannt war. Rasch zeigten sich die ersten Erfolge. Der Ruf Liebigs drang mit beispielloser Schnelligkeit über Deutschlands Grenzen hinaus. Die talentvollsten jungen Männer aus allen Ländern Europas fanden sich in Gieſsen zusammen. An der kleinen Universität entwickelte sich eine Forschertätigkeit, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte. Giefsen wurde zum Mittelpunkt des chemischen Studiums aller Länder. In dem von Liebig völlig neu geschaffenen Laboratorium, dem ersten in ganz Deutschland, herrschte ein völliges Zusammenleben, ein steter Verkehr aller Studierenden mit einander. Liebig überwachte selbst alle Arbeiten: in ihm hatten alle wie die Radien eines Kreises ihren gemeinschaftlichen Mittelpunkt. Alle arbeiteten, wann der Tag begann, bis zur sinkenden Nacht. Arbeit war allen eine Lust, ein nie zu stillendes Geniefsen.— Es kann in dieser knappen Spanne Zeit nicht meine Aufgabe sein, Liebigs Arbeiten auch nur an- deutungsweise anzuführen: ich beschränke mich auf das Allerwesentlichste.
Uber Liebigs Arbeiten läſst sich kaum berichten, ohne eines zweiten ebenfalls groſsen Chemikers zu gedenken: das war der in unserm Nachbarort Eschersheim geborene Wöhler, zu Liebigs Zeit junger Professor der Chemie in Göttingen. Als Wöhler über einen neu entdeckten Körper berichtete, griff ihn Liebig heftig an. Alle die Eigenschaften, die Wöhler veröffentlichte, hatte Liebig längst von einem ganz andern Körper entdeckt. Er machte deshalb Wöhler die stärksten Vorwürfe wegen ungenauer Arbeit und mangelhafter Analyse. Doch siehe da, Wöhler hatte recht, doch Liebig nicht minder. Zwei ganz verschiedene Körper waren entdeckt worden von genau derselben chemischen Zusammensetzung. Hierdurch wurden beide Forscher die Entdecker der sog. Isomerie organischer Verbindungen. Diese ungemein wichtige Entdeckung erklärt sich durch die verschiedenartige Anordnung und Verkettung der Atome im Molekül. In ungeahnter Weise stieg hierdurch die Zahl organischer Verbindungen. Der wissenschaftliche Zwist entwickelte sich bald zu einem freundschaftlichen Verkehr, zu gemeinsamer Arbeit, zu einer innigen Lebensfreundschaft, welcher die Welt eine Reihe wissen- schaftlicher Grolſstaten verdankt. Neidlos und ohne Eifersucht, Hand in Hand, verfolgten beide Forscher ihren Weg; wenn der eine Hilfe brauchte, war der andere bereit. Die Hauptarbeit der beiden groſsen Forscher galt der organischen Chemie, einem bis dahin noch völlig dunklen Gebiete. Zu den organischen Körpern rechnete man alle die Stoffe, die während des Lebens selbst gebildet wurden. Man glaubte, daſs sie nur durch eine ganz bestimmte, nur den organischen Wesen zukommende Kraft, die„Lebenskraft“, hervorgebracht werden könnten. Doch mit einem Schlage war die groſse Schranke zwischen organischer und unorganischer Natur gefallen: es war den zwei groſsen Forschern gelungen, die erste Synthese organischer Körper zu bewerkstelligen: eine organische Verbindung war aus unorganischen Bestandteilen hergestellt worden.
Liebigs Arbeiten galten hinfort besonders der Ergründung der chemischen Verhältnisse der Pflanze und des Tieres. Es kam ihm nicht darauf an, die theoretischen Verhältnisse ins Unermessene zu erörtern, ihm lag vielmehr die Frage näher: wie lassen sich die gefundenen wissenschaftlichen Resultate für das Leben der Pflanze, des Tieres, des Menschen selbst zweck- entsprechend verwerten? Liebig hat das gewaltige Verdienst, die Lehren der Chemie auf die Biologie angewendet zu haben. Er zuerst stellte die Landwirtschaft


