39
konnten Liebig in keiner Weise befriedigen. Es war damals für die Naturwissen- schaft eine recht elende Zeit in Deutschland. In den Ländern ringsum wurden groſse naturwissenschaftliche Entdeckungen gemacht— sie fanden in Deutschland keinen Boden. Langwierige Kriege, äufserer Druck hatten die Verödung unserer Universitäten nach sich gezogen. Der nationale Geist hatte seine Freiheit und Unabhängigkeit allein in ideale Gebiete geflüchtet. Für einen gebildeten Menschen galt es als unanständig zu glauben, daſs in dem Leibe eines lebendigen Wesens die rohen und gemeinen Kräfte der Natur eine Rolle spielten.
Liebig folgte dem Prof. Kastner nach Erlangen. Auch hier fand er nicht, was er suchte. Es gingen deshalb alle seine Anstrengungen in dem Nachholen der früher vernachlässigten Schulkenntnisse auf. Mit zäher Energie gelang es ihm, das zu erlernen, was ihm früher in der Schule nicht geglückt war. Bald kehrte er nach Darmstadt zurück. Sein reger Geist liefs ihm aber keine Ruhe, und so faſste er den Entschlufs, nach Paris zu gehen.
Liebig war 17 ½ Jahre alt geworden. Nach vielem Umhertasten und-irren begannen jetzt erst seine gründlichen wissenschaftlichen Studien. In Paris boten sich ihm für alle Zweige der Naturwissenschaften Mittel zum Unterrichte, wie sie sich an keinem andern Orte vereinigt fanden. Die Vorträge von Gay-Lussac, Thenard, Dulong, übten auf Liebig einen unbeschreiblichen Reiz.„Wie diese Männer“, sagt er selbst,„dem Knaben ihre Neigung zuwandten, wie er mit ihnen in Berührung kam, grenzt an das Fabelhafte“. Vor allem impopierte Liebig die auf die Chemie angewandte mathematische Methode. Jede gestellte Aufgabe wurde in eine Gleichung verwandelt, bei jeder gleichförmigen Aufeinander- folge zweier Erscheinungen nahm man einen ganz bestimmten kausalen Zusammen- hang an, der als Erklärung oder Theorie aufgestellt wurde: ein solches Forschen war in Deutschland bisher unbekannt. UÜberraschend schnell eignete sich Liebig die französische Sprache an. Geradezu begeistert wurde er von dieser Sprache: „Sie ist“, sagt er,„für die Behandlung wissenschaftlicher Gegenstände geeigneter als alle andern Sprachen, ihre logische Klarheit ist unübertreffbar“. Zudem besaſsen die französischen Forscher eine Meisterschaft in der experimentellen Beweisführung. Ihre Versuche waren für Liebig ein wahrer Genuſs: sie redeten zu ihm eine Sprache, die er verstand.„Ich erkannte schon jetzt“, sagt Liebig,„oder richtiger, es dämmerte in mir das Bewulstsein, daſs nicht allein zwischen zweien oder dreien, sondern zwischen allen Erscheinungen der gesamten Natur ein gesetz- licher Zusammenhang bestehe, und dals das Entstehen und Vergehen der Dinge eine Wellenbewegung in einem Kreislaufe sei“. Das dämmernde Ahnen des strebenden Jünglings sollte dem späteren grolsen Gelehrten zur Gewiſsheit werden.— Ein zufälliges Ereignis lenkte in Paris die Aufmerksamkeit Alexander v. Humboldts auf Liebig. Dieser Staatsmann und weit bedeutendere Naturforscher nahm ein groſses Interesse an Liebig. Durch Humboldts Vermittelung trat er in engen Ver- kehr mit dem Chemiker Gay-Lussac. Gemeinsam mit diesem arbeitete er in dessen Laboratorium. Durch diese Arbeiten wurde der Grund gelegt zu Liebigs ganzer Richtung und zu seinen späteren epochemachenden Arbeiten an deutschen Universitäten.
Liebig kehrte nach Deutschland zurück. Seine bedeutenden Arbeiten, sowie die warme Empfehlung v. Humboldts bewirkten, dafs ihm schon im 21. Lebensjahre eine auſfserordentliche Professur der Chemie in Giefsen übertragen wurde. Bereits 2 Jahre später wurde er ordentlicher Professor der Chemie. Länger als ¼ Jahr- hundert hat Liebig in der kleinen Lahnstadt in einer unvergleichlichen Lehrtätigkeit gewirkt. Was er in Gielsen vorfand, war kaum mehr als nichts, kein Laboratorium,


