Aufsatz 
Festrede zur Liebig-Feier am 16. Mai 1903
Entstehung
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bildeten, schlofs er, daſs Salpetersäure verwandt würde. Nicht verstandene Vor- gänge wiederholte er selbst unzählige Male, bis er die Eigenschaften nach allen Seiten hin genau kannte. Die natürliche Folge davon war eine starke Entwicklung seines Gesichtssinnes, er bekam eine scharfe Beobachtungsgabe. Wie stand es bei dieser eminent entwickelten Geistesrichtung mit dem Knaben Liebig in der Schule? Er besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt. War er der Musterschüler, der alle seine Mitschüler überragte? Keineswegs! Bei der aufserordentlich gesteigerten Beobachtungsgabe Liebigs waren seine übrigen Sinne wenig entwickelt: er besaſs vor allem so gut wie kein Gedächtnis. Nichts von dem, was man durch diese Kraft lernt, blieb bei ihm haften. Seine Leistungen in den Sprachen waren somit unter aller Kritik. Die Sprachen aber und besonders die alten Sprachen waren für die damalige Generation wie ja heute noch das einzige Mittel, wodurch Lob und Ehre erreicht werden konnten. Der junge Liebig fand sich in der unbe- haglichsten Lage, in der nur ein Knabe sein kann. Statt Lob und Anerkennung erntete er nur die heftigsten Vorwürfe seitens seiner Lehrer. Als einst der Rektor des Gymnasiums Liebigs Klasse besuchte, machte er ihm die ergreifendsten Vor- stellungen über seinen Unfleiſs.Verlasse doch sobald wie möglich das Gymnasium, sagte er ihm,du bist die Plage deiner Lehrer und der Kummer deiner Eltern. Auf die Frage, was er denn werden wolle, autwortete Liebig bestimmt:Ich will Chemie studieren. Ein unauslöschliches Gelächter der ganzen Klasse brach aus. Der dumme Liebig wollte studieren, und gar Chemie, so etwas konnte man damals doch überhaupt nicht studieren. Liebig befolgte bald den Rat seines Rektors: er verlieſs das Gymnasium, ihm waren die Wissenschaften, die dort gelehrt wurden, so gut wie verschlossen. Und doch sollte der auf dem Gymnasium ge- scheiterte 15 jährige Jüngling eine der grölsten Leuchten der Wissen- schaft, der genialste Lehrer seines Faches, einer der bedeutendsten Geistesheroen des vorigen Jahrhunderts werden. War es ein ganz her- vorragendes Talent, das Liebig der Naturwissenschaft, der Chemie zuführte? Liebig urteilt hierüber selbst und sagt:Ieh halte wie Lessing dafür, dals Talent wesentlich Wille und Arbeit ist. Wille und Arbeit, das waren fortan die beiden Leitsterne Liebigs.Wolle nur, und du kannst rufen auch wir stets euch Schülern zu. Diese Worte, welche Liebig zur Richtschnur seines Lebens dienten, und die ihn zu den höchsten Stufen menschlichen Wissens führten, möchten sie auch einem jeden Schüler der Liebig-Realschule als Wahlspruch für Schule und Leben vor Augen stehen!

Der Vater Liebigs brachte seinen bis jetzt nicht zu groſsen Hoffnungen berechtigenden Sohn zu einem Apotheker nach Heppenheim an der Bergstraſse. Der Apotheker war jedoch des neuen Zöglings nach 10 Monaten schon überdrüssig. Als nun gar der junge Liebig durch ein miſsglücktes Experiment, eine Explosion ver- ursachte, die beinahe die ganze Apotheke in die Luft gesprengt hätte, wurde er einfach nach Hause geschickt. So sich selbst überlassen, ohne Rat und Richtung, war Liebig bereits 16 Jahre alt. Sein unablässiges Drängen veraulalste seinen Vater, ihm die Erlaubnis zu geben zu dem Besuche der Universität Bonn. An der neu errichteten Universität war ein reges wissenschaftliches Leben aufgegangen, aber in der Naturwissenschaft wirkte die ausgeartete philosophische Forschung auf das schädlichste ein: der Vortrag war alles, Naturbeobachtung und Experiment galten nichts, die geistreichsten Anschauungen blieben körperlos. Liebigs Lehrer, Prof. Kastner, galt damals noch als der berühmteste Chemiker. Doch die ober- flächlichen Beziehungen, welche dieser zwischen den Naturerscheinungen auffand,