Aufsatz 
Festrede zur Liebig-Feier am 16. Mai 1903
Entstehung
Einzelbild herunterladen

A. Festrede bei der Liebigfeier am 16. Mai 1903

gehalten von Herrn Oberlehrer Dr. Grede.

Hochgeehrte Gäste werte Herren Kollegen, liebe Schüler!

Ein jeglicher muſs seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet! Entsprechend diesem Worte des Altmeisters Goethe haben die Schulen Frankfurts die schöne Sitte, sich den Namen eines unserer Geistesheroen bei- zulegen. Diese Namen sollen nicht eine äufsere Dekoration sein, sie sollen vielmehr die Eigenart der Schule selbst ausdrücken. Sind es bei den humanistischen An- stalten die Dichterfürsten Lessing und Goethe, deren Idealen jene Schulen nachstreben wollen, so haben wir als Realanstalt den Namen eines Mannes gewählt, dessen Wissenschaft dem Leben, dem Allgemeinwohl der Menschheit selbst geweiht war: den Namen Justus v. Liebig! Nach Liebig soll das Ziel jeglicher Wissenschaft sein, dem Leben selbst zu nützen. Der Name Liebig soll verkünden, daſs an unserer Schule nach der Methode der modernen Natur- wissenschaft und in freier Geistesarbeit unterrichtet wird.

Wenn in den jetzigen Tagen die wissenschaftliche Welt, in Sonderheit die Vertreter der Naturwissenschaft sich anschicken, den 100 jährigen Geburtstag Liebigs festlich zu begehen, so darf unsere Schule nicht fehlen. Wir wollen heute dieses groſsen Forschers gedenken, wir wollen uns heute sein Leben vergegenwärtigen, das reich an Mühen und Arbeit, aber auch reich an unermeſslichen Erfolgen war.

Möge diese seltene Gedenkfeier am Anfang des neuen Schuljahres ein Ansporn für uns sein zu neuer Arbeit und frohem Streben, würdig des ruhmvollen Namens, den unsere Schule trägt.

In Darmstadt wurde am 12. Mai 1803 Liebig geboren. Sein Vater hatte dort einen Handel mit Farbwaren. Manche der Farben stellte er selbst in einem kleinen Laboratorium dar. Schon früh genoſs der kleine Liebig die Gunst, in der Arbeits- stätte des Vaters als Handlanger zu dienen. Das lebhafte Interesse, das er an den Arbeiten des Vaters nahm, führte ihn von selbst auf das Lesen naturgeschichtlicher Bücher. Dabei entwickelte sich allmählich in dem Knaben eine solche Leidenschaft für derartige Bücher, daſs er'gegen alles andere, was sonst Kinder anzieht, abge- stumpft wurde. Das Lesen der zahlreichen Bücher, das fortgesetzte Beobachten der einfachen Vorgänge im Laboratorium seines Vaters entwickelte in ihm die Anlage, die den späteren groſsen Chemiker vor allem auszeichnete, nämlich in Erscheinungen zu denken. In dieser Weise kam es, daſs alles, was er sah, in seinem Gedächtnis haften blieb. Bei einem nahen Seifensieder sah er das Seifekochen, in allen Werk- stätten der Gerber und Färber, der Schmiede und Gieſser war er zu Hause. Auf dem Markte zu Darmstadt sah er einen herumziehenden Händler mit allerlei. Er beobachtete, wie dieser Knallerbsen herstellte. Aus den roten Dämpfen, die sich