22
Hauptunterschied zwischen den römischen und den provinzialen Reliefs darin bestehe, daß die Hersteller der ersteren das hellenistische Vorbild künstlerisch wiederzugeben suchten und auf das symbolische Beiwerk weniger Gewicht legten, während die letzteren gerade in dieser Hinsicht besonders gewissenhaft verfuhren, wird durch das jetzt in Cumonts Werk vorliegende weit vollständigere Inventar mithrischer Darstellungen im allgemeinen bestätigt.¹) Die in den germanischen Mithreen auf der Hauptplatte und ihren Randleisten angebrachten Darstellungen astronomischer und mythischer Gegenstände sind dort meist teils auf einzelnen Stelen teils wie in einem der Heiligtümer von Ostia als Mosaiken auf dem Boden und den Wänden der Podien und an anderen Stellen angebracht worden. ²) Andererseits wird die bei der Ver- öffentlichung des dritten Mithreums von Heddernheim ausgesprochene Vermutung, daß die Randleisten bei unseren germanischen Reliefs regelmäßig vorhanden waren und ihr häufiges Fehlen meist darauf zurückzuführen ist, daß die einzelnen Reliefplättchen leichter als das große Kultbild verschleppt wurden, dadurch bestätigt, daß zwei quadratische Platten des Frankfurter Museums mit Medaillonbildnissen des Sol und der Luna mit großer Wahr- scheinlichkeit als Leistenstücke des verlorenen Reliefs aus dem zweiten Mithreum, in dessen Nähe sie gefunden wurden, nachgewiesen werden konnten. ³)
Daß auch das auf unserer Tafel dargestellte Hauptrelief aus dem dritten Heddernheimer Mithreum, welches in seinem jetzigen Erhaltungszustand durch das Fehlen aller Nebenfiguren wie durch den relativ größeren künstlerischen Wert der Hauptgruppe an die römischen Denkmäler erinnert, ursprünglich der Seitenleisten und eines oberen gesimsartig vorspringenden Teils mit Relieffiguren nicht entbehrt hat, habe ich in der Veröffentlichung über dasselbe aus den Größen- verhältnissen der Platte einerseits und der Cella andererseits, sowie aus gewissen Merkmalen an der ersteren selbst eingehend zu begründen gesucht.¹) Das in demselben Speläum als Weihegabe gefundene Marmorrelief zeigt gleichfalls eine reiche Ausstattung mit Nebenfiguren auf metopenartig abgeteilten Reliefstreifen nicht nur zu beiden Seiten und über dem Haupt- bilde, sondern auch am Fuße desselben. Dieses Relief gehört nach Cumonts eingehender und einleuchtender Erklärung zu den für die Deutung der Kultushandlungen ausgiebigsten Denk- mälern seiner Art.?) Bei ihm konnten auch besonders deutlich die Reste einer polychromen Bemalung erkannt und erhalten werden, die wir auch bei den großen Reliefplatten und allen übrigen Skulpturen als Verstärkung der Lichteffekte voraussetzen müssen. Nur daraus erklärt sich bei vielen derselben die Wahl des Materials, besonders in unserer Gegend des grobkörnigen Vilbeler Sandsteins mit seinen eingesprengten dicken Quarzkörnern, die bei manchen Denkmälern den Eindruck der Gesichter beeinträchtigen.⁰) Daß man die Farbenreste
¹) Von den römischen Reliefs zeigt nur das vatikanische Fragment Cumont II, Fig. 40 an der erhaltenen rechten Seite mehrere der bekannten Gruppen nach Art der germanischen Seitenleisten angebracht.
²) Vgl. Cumont II, p. 243 und Fig. 77.
³) Vgl. Westd. Zeitschr. XIII, I, S. 17. Anm. 36.
⁴) Vgl. Westdeutsche Zeitschrift a. a. O. S. 16 ff. und dazu die beipflichtenden Ausführungen von Cumont, tome II, p. 374.
⁵) Vgl. Cumont, II, p. 378 ff. Ein ähnliches, aber weniger reich mit Nebengruppen ausgestattetes Marmor- relief hat sich auch im ersten Mithreum von Heddernheim gefunden. Vgl. Cumont a. a. O. S. 366.
*) Auch die gerade bei mithrischen Skulpturen so häufige Anwendung von Basalt dürfte sich auf diese Weise erklären.


