Aufsatz 
Über Mithrasdienst und Mithreen / von Georg Wolff
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zurück ¹). Das vierte Element, die Luft, wäre dann nicht in unmittelbarer Verbindung mit der Hauptgruppe dargestellt, aber öfters an den vier Ecken durch vier Windgötter, meist in Gestalt geflügelter Köpfe, vertreten, so auf dem berühmten, figurenreichen Relief des Wiesbadener Museums aus dem ersten Mithreum von Heddernheim.

Auf unserer Frankfurter Platte fehlen diese Teile. Es ist daher auch nicht zu ent- scheiden, ob die Windgötter auf derselben vorbanden waren. Dagegen dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß rechts und links oberhalb des Hauptbildes auf einer besonderen Platte oder metopenartigen Blöcken, Sonne und Mond dargestellt waren, sei es in voller Gestalt auf der Quadriga links herauf und auf der Biga rechts hinab sprengend oder nur durch die mit Strahlenkrone und Halbmond geschmückten Köpfe angedeutet. Daß diesen Medaillons in Großkrotzenburg auf den beiden vor dem Relief stehenden Altären als Ornamente ein Helioskopf und ein Halbmond entsprachen, war einer der Gründe, die in diesen Altären und ihren Standorten typische Erscheinungen aller nordischen Speläen erkennen ließen.

Auf dem Bogen, welcher das aus einer muschelförmigen Aushöhlung der Platte, einer Imitation der Grotte, herausgearbeitete Relief vorn umrahmt, sind oft die Bilder des Tier- kreises dargestellt; sie sind offenbar eine Errungenschaft, die der Mithraskult auf seiner Wanderung durch Babylonien gemacht hat. Dagegen gehen wohl teils auf altpersische Mythen von den Arbeiten des Mithras teils auf sakramentale Handlungen des Ritus die Einzeldarstellungen zurück, welche das Relief bald auf demselben Stein, öfters aber auf metopenartigen Platten umrahmen. Die im Jahre 1882 ausgesprochene Ansicht, daß ein

¹) Doch darf nicht verschwiegen werden, daß auf fast allen italischen Reliefs, auf welchen regelmäßig nur die Hauptgruppe dargestellt ist, und ebenso auf den meisten dacischen und mösischen Bildern Löwe und Amphora fehlen, dagegen die Schlange vorhanden ist, die hier sich gewöhnlich in Konkurrenz mit dem Hunde nach der blutigen Wunde emporreckt, in einzelnen Fällen diesem sogar drohend den aufgesperrten Rachen entgegenhält. Andererseits weist auf die enge Verbindung der Schlange mit der Amphora, wenigstens in der Auffassung, wie sie bei den Mithrasverehrern in den nordischen Provinzen während des dritten Jahrhunderts üblich war, der Umstand hin, daß mehrere in Mithreen gefundene Tongefäße eine sich an den Henkeln derselben emporwindende Schlange zeigen, die den Kopf eben in das Gefäß hineintauchen will. Bestandteile eines zweifellos gleichfalls für ein Mithreum bestimmten Exemplares dieser Art wurden im Wiinter 1907/08 während der Arbeiten der Aus- grabungskommission zufällig beim Pflanzen junger Bäumchen im nordöstlichen Teile der Römerstadt bei Heddern- heim gefunden und von mir für das Frankfurter Museum erworben. Es ließ sich aus denselben ein kantharos- artiges Gefäß(von 31 cm oberem Durchmesser und 20,5 cm Höhe mit Fuß) vollständig mit Ausnahme des Fußes zusammen- setzen, welches im Jahresbericht des Vereins für das Historische Museum für 1907 vom Direktorialassistenten Welcker mit Abbildung(Tafel II veröffentlicht ist. Wo der steilwandige Bauch sich kantig nach dem Fuß hin zusammenzieht, winden sich, diese Kante wulstig verstärkend, zwei Schlangen herum, die sich mit dem oberen Teile des Leibes an den beiden Henkeln emporstrecken, so daß die Köpfe mit offenen Rachen über den Rand hervorragen. Auf dem Bauche sind fünfmal zwei gleiche Medaillons als Appliquen angebracht, abwechselnd immer ein Gorgonenhaupt und eine Gruppe von zwei männlichen Figuren, die im Gespräch miteinander begriffen zu sein scheinen, die eine an einen Felsen(?) gelehnt, die andere vor ihr stehend; wohl Sol und Mithras. Regellos über diese Medaillons und andere Teile des Gefäßes zerstreut finden sich eingebrannte braunrote Flecke, offenbar Nachahmung zufällig entstandener Blutflecken, die wohl andeuten sollten, daß das Gefäß zum Auffangen des Blutes von Opfertieren bestimmt war, also vielleicht die in manchen Speläen, so im dritten Heddernheimer Mithreum, gefundenen Gruben vertreten sollte. Ein ganz ähnliches, aber einfacheres Gefäß wurde in einem der Friedberger Mithreen gefunden. Bei ihm finden sich auf der Außenseite des Bauches die Reliefdarstellungen eines Skorpions und einer Leiter(?). Vgl. Cumont, Textes&c. II, p. 358, Fig. 240 nach Goldmann. Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde, N. F. II, 275 ff., 1995, Taf. II, 17.