Aufsatz 
Über Mithrasdienst und Mithreen / von Georg Wolff
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vielleicht aber auch durch Anbringung eines Lichtes im Inneren den Löwenrachen feuer- schnaubend erscheinen zu lassen, wie es nach einem alten Autor bei dem Kopfe der Schlange der Fall war, den eine andere dieser Figuren in der Hand hielt. Wenn bei mithrischen Altären, so auch bei mehreren von den jetit auf der Saalburg befindlichen Stockstadter Exemplaren, die Inschriftfläche durch eine den ganzen Altar von vorn nach hinten durch- schneidende viereckige Öffnung unterbrochen ist, so erklärt sich auch diese auffallende Erscheinung wohl am leichtesten durch die Annahme, daß im Innern dieser Altäre den Gläubigen unsichtbar ein Teil der in den Speläen in großer Zahl gefundenen Lichter untergebracht war, die auf gegenüberstehende Skulpturen ihren Schein warfen. Ich fühlte mich lebhaft an meine mithrischen Beobachtungen erinnert, als im Isistempel zu Pompeji der Kustode mit schlauem Augurenlächeln mich auf gewisse Apparate aufmerksam machte, die schon Bulwers Phantasie zur Darstellung priesterlicher Gaukeleien angeregt haben mögen. Sicherlich ist, wie ich bereits hervorhob, auch bei den mithrischen Zeremonien mit starken Mitteln auf die Phantasie der Gläubigen gewirkt worden.

Mit den Vorgängen bei den Isismysterien vergleicht auch Cumont die in den Mithras- speläen, wenn er den in sie hinabgestiegenen Neophyten, der, durch die unerwarteten Licht- effekte geblendet und durch berauschenden Trank verwirrt, in dem ihm vorgeführten Gaukel- spiele wirkliche Göttererscheinungen erblickt und wirkliche Gefahren überwunden zu haben glaubte, nach seinem Erwachen aus der Verzückung mit dem Mysten des Apuleius sagen läßt:Ich habe die Pforten des Todes durchschritten, ich habe die Schwelle der Proserpina betreten, und nachdem ich durch alle Elemente geiahren, bin ich auf die Erde zurückgekehrt; mitten in der Nacht habe ich die Sonne in hellem Glanze strahlen gesehen; ich habe mich den unteren und den oberen Göttern genaht und habe sie angebetet von Angesicht zu Angesicht.

Wir würden aber den Leser mit einer falschen Vorstellung von dem Wesen dieses Kultus und seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung entlassen, wenn wir nicht zum Schlusse nochmals nachdrücklich hervorhöben, daß bei allem phantastischen Beiwerk und aller synkretistischen Verquickung mit ethisch minderwertigen Kulten die Mithrasreligion sich doch bis in die letzten Zeiten ihres Bestehens in den streng aufrecht erhaltenen Forderungen persönlicher Tapferkeit und unbedingter Wahrheitsliebe einen ethischen Inhalt von hohem Werte erhalten hatte, der sie weit emporhob über alle Naturreligionen des Altertums. Gleichzeitig war die energische Betonung eines jenseitigen Lebens, dessen Gestaltung von der Erfüllung jener Forderungen abhing ganz abgesehen von ihrer sonstigen ethischen Bedeutung wohl geeignet, religiös angelegten Naturen eine Zuflucht aus der Trübsal der Zeit zu gewähren, welche in ihrem damaligen Verfall weder die griechisch-römische Religion noch die Philosophie zu bieten vermochte. So wurde der Mithrasdienst der letzte ebenbürtige Gegner des aufstrebenden Christentums. Als des letzteren Uberlegenheit auch die Kaiser erkannten, da war mit der Niederlage des einstunbesiegbar genannten Sonnengottes auch der Untergang der antiken Weltauffassung überhaupt besiegelt.