Aufsatz 
Über Mithrasdienst und Mithreen / von Georg Wolff
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so selten beobachtet hat, erklärt sich teils aus dem Einfluß des feuchten Bodens, teils, besonders bei älteren Funden, aus der verkehrten Behandlung der Denkmäler, die, da man Farben bei ihnen in früheren Zeiten ebensowenig wie bei Architekturresten voraussetzte, meist sofort nach der Auffindung abgewaschen wurden. In neuerer Zeit verfährt man vorsichtiger; daher mehren sich die Mitteilungen über aufgefundene Spuren von Bemalung, und auch an den älteren Beständen der Museen entdeckt man oft wenigstens noch Reste der weißen Deckfarbe. ¹)

Abgesehen von den regelmäßig vorkommenden Reliefplatten mit den teils auf den Platten selbst angebrachten, teils frei neben ihnen stehenden Figuren des Cautes und Cautopates gibt es noch eine Anzahl anderer Skulpturen mit Darstellungen aus dem mithrischen oder auch aus anderen Mythenkreisen, welche von Mysten als Votivgaben in den Speläen aufgestellt wurden. Mehrere der interessantesten hat wiederum Heddernheim geliefert, so die in Wiesbaden befindliche Darstellung von Mithras Felsgeburt und die aus dem dritten Mithreum ins Frankfurter Museum gekommene Stele aus Basalt in Gestalt eines schiefergedeckten Sacellums mit Reliefdarstellungen der Fackelträger, des Himmels, des Okeanos und der Felsgeburt, die geradezu einzig dasteht und erwünschte Aufklärungen über mithrische Vorstellungen nach der kosmogonischen Seite hin gebracht hat. ²)

Aus dem dritten Heddernheimer Mithreum stammt endlich auch die löwenköpfige Figur des Kon oder Kronos, in deren Erwerbung Dr. Häberlin dem Frankfurter Museum zuvor- kam. Diese merkwürdige Figur mit ihren mannigfach wechselnden Attributen, durch die man sich die unerklärliche, namenlose, ewige Zeit, den Urgrund aller Dinge phantastisch nahe zu bringen suchte, ist so recht ein Sinnbild des mithrischen Pantheismus. Ihr Plat⸗z in den Speläen war früher unbekannt. Im genannten Mithreum fand der Verfasser links vor dem Kultbild einen rechteckigen Einschnitt in dem gewachsenen Boden, der den Kern des Podiums für die Mysten bildete, und konnte durch die bei der Durchwühlung und Demo- lierung des Speläums mehrere Jahre vorher beteiligt gewesenen Arbeiter feststellen, daß dort in einem unterirdischenKellerchen, wie sie es nannten, das vorn durch eine durch- brochene Sandsteinplatte geschlossen war, die Figur aufrecht gestanden und sie bei der Aufdeckung des Raumes erschreckt hatte. Das mußte sie einst, wenn sie, durch plötzlich aufflammende Lichter beleuchtet, den Mysten durch die in der Platte angebrachte öffnung sichtbar wurde, sicherlich in noch höherem Grade tun. Daß aber gerade bei diesen für unsere Begriffe mehr lächerlichen als furchterweckenden Bildwerken besonders ausgiebig mit Lichteffekten auf die Phantasie gewirkt wurde, zeigt der Umstand, daß denselben in mehreren Fällen der Kopf von hinten durchbohrt war, was nach Zoega bezweckte, vermittelst eines Blasbalges auf einem vor dem Bilde stehenden Altar eine Flamme zu entfachen,

¹) Daß polychrome Behandlung auch bei Denkmälern aus anderen Religionskreisen der provinzialen Kunst oder besser gesagt Steinmetzenarbeit üblich war, zeigt besonders deutlich ein in Großkrotzenburg bei den Arbeiten der Reichs-Limeskommission gefundenes und in der Sammlung des Hanauer Geschichtsvereins aufbewahrtes Merkur- relief, auf dem in den Falten des Mantels rote und an der Wolle des Widders gelbe Farbe, an vielen Stellen aber die weiße Deckschicht erhalten ist. Das Denkmal konnte noch rechtzeitig der bereits begonnenen Reinigungs- tätigkeit der Finder entrissen werden.

²) Vgl. Cumont, Westdeutsche Zeitschrift a. a. O. S. 48 mit Tafel I, Fig. 1 ac, sowie Textes et monu- ments II, p. 376 fl.