Aufsatz 
Über Mithrasdienst und Mithreen / von Georg Wolff
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Uber die Deutung des dargestellten Vorganges sind die Ansichten der Fachgelehrten verschieden, je nachdem sie von den im Mithraskultus erkennbaren synkretistischen Elementen die agrarisch-ethische Seite der arischen Religion oder die astrale des Chaldäertums in den Vordergrund stellen und daher in dem Tier den Urstier des Zendavesta, den Repräsentanten der Erdfruchtbarkeit, erkennen, die durch die Kraft des Lichtes und der Wärme geweckt wird, oder das Ganze als den Sieg des Tages über die Nacht erklären.

Oft hört man die Szene nach Zoegas Vorgang alsStieropfer bezeichnen; und man könnte sich für diese Auffassung darauf berufen, daß der Künstler, der in hellenistischer Zeit die für die Darstellung der Szene in den Provinzen des römischen Reiches maßgebende Form erfunden hat, wie man jetzt allgemein annimmt, die Anregung dazu der damals sehr ver- breiteten Darstellung der stieropfernden Nike(Nin 5090OOok) entnommen habe. Aber die Entnahme eines künstlerischen Motivs für die Darstellung eines sakralen Vorganges bedingt nicht ohne weiteres auch die religiöse Auffassung des letzteren in der Zeit der Rezeption. Ich bin noch heute der Ansicht, die ich vor 28 Jahren in die Worte gefaßt habe:Mir scheint die ganze Stellung der Figuren, die fliegenden Falten des Mantels, der Ausdruck des Gesichtes, wo es erhalten ist, entschieden dafür zu sprechen, daß es sich bei dem Vorgange um eine Verfolgung und siegreiche Überwindung des Stieres durch den Gott handelt. Ist dies aber der Fall, so dürfte diese Auffassung auch die ursprüngliche, wenigstens zu der Zeit herrschende gewesen sein, als man überhaupt begann, die Mithrasgrotten mit dem Relief- bilde des Gottes zu schmücken. Es gereicht mir zur Genugtuung, daß Cumont, der die Beziehung der künstlerischen Darstellung zum Stieropfer der Nike zur allgemeinen Anerkennung gebracht hat, doch hinsichtlich der religiösen Bedeutung der Szene unter ausdrücklicher Beziehung auf die angeführte Stelle, aber mit Heranziehung zahlreicher neuer Momente zu dem Ergebnis kommt:Cette scêne ne figure donc certainement pas, comme le groupe archétype de la Nikè S˙ιυυναυινοαα, un simple sacrifice, et la persistance particulière des erreurs accréditées explique seule qu'on s'obstine à lui appliquer son nom¹).

Dadurch ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen, daß im Zusammenhange mit der typischen Darstellung des Hauptmysteriums auch die Auffassung derselben, besonders in den exoterischen Kreisen, im Laufe der Zeit eine Anderung erfahren hat. Daß aber den maß- gebenden Mysten auch in den letzten Zeiten der Mithrasverehrung und an den entlegensten Grenzorten die ursprüngliche Bedeutung der Hauptgruppe bewußt geblieben ist, dafür spricht die Tatsache, daß auch bei den rohesten Erzeugnissen provinzialer Steinmetzenarbeit die charakteristischen Eigentümlichkeiten, die uns die Auffassung des Aktes als eines gewöhn- lichen Opfers ablehnen ließen, energisch betont sind. So besonders die rasche Bewegung des Stieres und des verfolgenden Gottes, die freilich in einem gewissen Gegensatze zu dem Umstande, daß der Akt im Inneren einer Grotte vor sich geht, sowie zu der ruhenden Haltung einer Anzahl von Nebenfiguren steht, die auf den meisten Reliefplatten neben, über und unter der Hauptgruppe angebracht sind.

Zu beiden Seiten derselben stehen regelmäßig zwei Knaben in der gleichen Tracht wie

¹) Textes et monuments I, p. 184 nebst Anm. 8 u. 9, wo auch auf Studniczkas übereinstimmendes Urteil in den Archäologisch-epigraphischen Mitteilungen VII, S. 204 verwiesen wird.