Aufsatz 
Über Mithrasdienst und Mithreen / von Georg Wolff
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artig über die Rückwand vorsprang. ¹) An die letztere angelehnt oder frei auf einem Sockel stand hier das große Reliefbild des stiertötenden Mithras. ²) Dieses gewöhnlich etwa 2 m breite und hohe Reliefbild beherrschte durch seine Größe wie durch den Ort seiner Aufstellung das ganze Heiligtum. Auf dasselbe mußten sich die Blickée der vom Pronaos in die Cella herabsteigenden wie der auf den Podien knienden Verehrer richten. Dieser beherrschenden Stellung im Raume hat gweifellos eine zentrale Bedeutung des auf dem Relief dargestellten Aktes im Kultus entsprochen. Wir schließen uns in der Beschreibung desselben ganz an das im Historischen Museum zu Frankfurt aufgestellte Bild an.

Von dem muschelförmig gebogenen Hintergrunde der Sandsteinplatte hebt sich in 12 18 cm hohem Relief die schlanke Gestalt des jugendlichen Gottes ab, der von rechts her auf den unter der Wucht des göttlichen Körpers zusammenbrechenden Stier springt, auf dessen Flanke sich das gebogene linke Knie stützt, während das langausgestreckte rechte Bein mit der Spitze des Fußes noch den Boden berührt. Mit der linken Hand in die Nüstern greifend, reißt der Gott den Kopf des Stieres zurück, so den raschen Lauf desselben hemmend; gleichzeitig bohrt die Rechte ein kurzes Schwert in die gefährlichste Stelle, wo der Hals sich an die rechte Schulter ansetzt. Der sich hoch emporringelnde Schweif der Tieres endigt in ein Xhrenbüschel, über welchem, sich weit nach links bauschend, der Mantel die stürmische Be- wegung des Gottes und der ganzen Gruppe nach rechts andeutet. Der fast ganz rund herausgearbeitete Kopf des Gottes aber ist halb rückwärts gewendet mit den Augen nach oben, gewissermaßen aus dem Dunkel der Grotte herausblickend. Das jugendliche, von lang herabwallenden Locken umhüllte Antlitz ist in seinen unteren Teilen arg beschädigt, so daß der wehmütige Ausdruck, den andere Reliefs zeigen, bei dem unsrigen nicht so entschieden wie sonst hervortritt. Bekleidet ist die Jünglingsgestalt unter dem Mantel mit einem trikot- artigen Leibrock, dessen Armel bis zu den Handgelenken reichen, wie die gleichfalls engan- schließenden Beinkleider bis zu den Fußgelenken. Die Füße sind mit spitzen Schuhen bekleidet. Abweichend von fast allen anderen Darstellungen scheint der Gott barhäuptig zu sein. Eine genauere Betrachtung der oberen Abschlußkante aber macht es in Verbindung mit anderen Umständen, auf die wir noch zurückkommen, wahrscheinlich, daß auf unserer Platte noch eine andere oder eine Leiste lag, aus der die übliche phrygische Mütze herausgearbeitet war.

¹) In Friedberg hat man bei der Rekonstruktion des dort gefundenen dritten Mithreums den Boden vom Fuße der vom Pronaos herabführenden Treppe bis zum Standorte des Reliefs stetig ansteigend gebildet. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß zwischen der Aufdeckung des vorderen und des hinteren Teils des Speläums viele Jahre lagen, und daß die Feststellung der Höhenlage sich nur auf die äußersten Enden der Cella bezog und von ver- schiedenen Personen vorgenommen wurde. Da liegt die Vermutung nahe, daß man, da der Absatz zwischen Adyton und Cella nicht aufgedeckt war, die verschiedenen, teils durch Nivellement, teils nur durch Messungen von der heutigen Oberfläche aus festgestellten Höhenpunkte durch eine konstant ansteigende Linie verband. Vgl. Th. Goldmann, Der Mithraskultus und die Mithreen in Friedberg. Archiv für Hessische Geschichte und Alter- tumskunde, N. F. II. Bd., S. 273 ff.

¹) Auf mehreren der veröffentlichten Pläne und Längsschnitte aufgedeckter Speläen tritt die Erhöhung des Adytons nicht hervor, was wohl, wenn es nicht aul ungenügende Sorgfalt bei der Ausgrabung zurückzuführen ist, sich daraus erklärt, daß die Stelle, nachdem die ganze Cella mit Einschluß dieses Teils gleichmäßig aus- gestochen war, künstlich erhöht wurde. Beim dritten Mithreum von Heddernheim mußte ich(vgl. Wolff-Cumont, S. 15) die gleiche Erscheinung auf die tumultuarische Ausräumung bei der ersten Aufdeckung zurückführen, bei der gerade dieser Raum mit seinen zum Teil untermauerten Denkmälern besonders übel behandelt worden war.