— 11—
Kataſtrophe von Sedan ebenſo wie die Kaiſerfeier zu Verſailles muß ihn überzeugen, daß die Weltgeſchichte auch ein Weltgericht ſei.—
Die wahre Nationaleinheit muß ſich aus dem Innern eines Volkes heraus entwickeln, und ihr wichtigſter Faktor iſt das rechte Nationalbewußtſein. Wie aber ſtand es damit nach dem unſeligen 30⸗ jährigen Kriege? Franzöſiſche Sprache und Litteratur, franzöſiſche Sitte und Mode, franzöſiſcher Despo⸗ tismus und Abſolutismus nach dem Muſter Ludwigs XIV. drohten den letzten Reſt von Nationalbewußtſein zu vertilgen.
Alle die Männer daher, Dichter und Denker, die dem gegenüber dahin gewirkt haben, unſer Volk zur Selbſtachtung und Vaterlandsliebe zu erziehen, von Klopſtock— ja von Philander von Sittewald und Logau— bis auf Geibel, verdienen unſern innigſten Dank, wenn wir heute in freudigem Stolze uns rühmen können, wieder ein deutſches Reich und einen deutſchen Kaiſer zu beſitsn die in den Angen der ganzen Welt hochgeachtet und bewundert daſtehen.—
Hätte Friedrich der Große, was vielleicht in ſeiner Macht geſtanden, den deutſchen Einheitsſtaat zu ſchaffen verſucht, ſo würde dieſer nach dem Tode des großen Königs ſchwerlich Beſtand gehabt haben. Und warum? Der Partikularismus war noch zu mächtig, die nationale Entwickelung noch nicht genugſam vorgeſchritten, das deutſche Nationalgefühl noch nicht ſtark genug.
Mächtig loderte dieſes empor in den Jahren der Befreiungskriege durch Männer wie Freiherr von Stein,„des deutſchen Reiches Grundſtein, des deutſchen Volkes Edelſtein“, durch Scharnhorſt, Blücher, Arndt, Schenkendorf, Körner u. a. Und wenn die Nation damals durch die Diplomaten des Wiener Kon⸗ greſſes um den verdienten Siegespreis der nationalen Einheit betrogen wurde, ſo blieb doch von da ab die Einheitsidee Gemeingut des deutſchen Volkes. Das zeigte ſich beſonders im Jahre 1848, ſo nebelhaft und unklar vielfach die Beſtrebungen und Ziele damals auch noch waren.
Doch hatten wir im Jahre darauf ſchon eine Reichsverfaſſung und einen Reichsverweſer. Und wenn damals Preußens edler König Friedrich Wilhelm IV. die ihm angebotene Kaiſerwürde ablehnte, ſo werden wir heute ihm das wohl verzeihen, ja Dank wiſſen. Denn die partikulariſtiſchen Hinderniſſe waren auch damals noch nicht beſeitigt, die volkswirtſchaftliche Einigung auf dem Gebiete des Verkehrs, des Han⸗ dels und der Induſtrie, die in den nächſten Dezennien ſo rieſige Fortſchritte machte, noch nicht vollendet, und— was die Hauptſache iſt— unſere Heeresmacht war noch nicht ſtark genug, um allen Feinden und Neidern erfolgreich die Spitze zu bieten.
Als aber König Wilhelm I. nach ſchweren inneren Kämpfen ſeine Armee-Roorganiſation durchge⸗ führt und dieſe ſich ſo glänzend bewährt hatte, da— nach den unvergleichlichen Tagen von Königgrätz und Sedan— war endlich die Zeit gekommen, wo das einmütige Verlangen der ganzen Nation nach einem einigen deutſchen Reiche mit einem ruhmgekrönten Kaiſer an der Spitze in Erfüllung gehen konnte, in Erfül— lung gehen mußte.
König Wilhelm J., der Siegreiche, war der von der Vorſehung erkorene Held, dem die Wiederge⸗ burt des deutſchen Reiches und die Erneuerung der deutſchen Kaiſerwürde gelingen, der Königsſohn, der das verzauberte Dornröschen Deutſchland aus ſeinem Schlafe erwecken ſollte.
Und König Wilhelm hat perſönlich an der Gründung des neuen deutſchen Reiches einen viel größeren Anteil, als manchmal bedacht wird. Ohne ihn, in dem der Glaube an Preußens Beruf, die Hoffung auf


