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Verſetzen wir uns in die Zeit der Freiheitskriege zu Anfang des Jahrhunderts zurück, wo das deutſche Volksbewußtſein zum erſten Male in die hellen Flammen einer begeiſterten Vaterlandsliebe auf⸗ loderte, ſo rein, ſo hingebend, ſo ſelbſtlos und opferwillig: dann mögen wir, wenn wir an die Arndt, Körner und Schenkendorf, an Rückert, Uhland und weiter zurück an Schiller denken, und wenn wir erwägen, wodurch dieſe Männer Lieblinge und Erzieher des deutſchen Volkes geworden ſind, dann mögen wir wohl erkennen und begreifen, daß wir in jener Erhebung und opferfreudigen Begeiſterung die langſam gezei⸗ tigte Frucht einer gewaltigen geiſtigen und ſittlichen Kraft, zu der unſer Volk im Stillen herangewachſen war, vor Augen haben und daß nur dieſer im letzten Grunde die großen Erfolge zu danken ſind.
Ebenſo aber iſt es auch mit den ruhmreichen Erfolgen des jüngſten Krieges. Nur durch die geiſtige und ſittliche Kraft des Volkes im Bunde mit ſeiner durch König Wilhelm I. uns gegebenen Wehrhaftigkeit und Stärke konnten ſie errungen, nur durch die gleichen Mittel und Kräfte können ſie bewahrt und erhalten werden.
Als unſere Mannſchaften nach dem Siegesjubel des Sommers im Winter des Jahres 1870/71 die ganze entſetzliche Proſa des Krieges zu ertragen hatten, Hunger und Kälte, nächtliche Bivouaks in Regen und Schnee, Ermattung und endloſe Märſche, deren Sinn und Zweck ſie oft nicht begriffen: wo hätten ſie da Hort und Halt gefunden, wenn nicht in dem unbedingten Vertrauen zu ihren Führern und in ihrer geiſtigen und ſittlichen Kraft?„Guter Wille, Ausdauer und Mannszucht überwanden, wie Moltke ſagt, alle Schwierigkeiten“; aber dieſer gute Wille, die bewußte Hingabe an das Vaterland und die Mannszucht, ſie waren nur möglich in einem geiſtig tüchtigen und dabei frommen und gottesfürchtigen Kriegsvolke.
Bleiben wir uns alſo bewußt, daß in der Hebung der geiſtigen Kraft eines Volkes die Haupt⸗ quelle und die Bürgſchaft für ſeine Tüchtigkeit wie auch für ſeine äußere Machtſtellung zu ſuchen und zu finden iſt. Daher wollen wir einerſeits nicht vergeſſen, daß das Schwert behaupten muß, was das Schwert gewann— denn das alte Wort behält ſeine Geltung: gia Seich Seatsrat,„Gewalt wird durch Gewalt nur überwältiget“— anderſeits aber uns angelegen ſein laſſen, dafür zu ſorgen— und gerade die höheren Schulen, aus denen ja die Träger und Leiter des Volksgeiſtes hervorgehen, haben die ganz beſondere Ver⸗ pflichtung, an ihrem Teile dafür zu ſorgen—, daß der feſte und einzig dauerhafte Grund ſeiner Größe und Macht, die geiſtige und ſittliche Tüchtigkeit ſeiner Söhne, dem deutſchen Reiche nicht verloren gehe.—
An euch, geliebte Schüler, die ihr nicht wie eure Väter das neue Reich habt erſtreiten helfen, ſon⸗ dern es fertig überkommen habt, an euch ergeht die Mahnung, es zu erhalten und zu mehren, ſei es durch Arbeiten des Friedens oder durch Thaten des Krieges; an euch die Aufforderung:„Spartam nactus es, hanc exorna!“ d. h.„Deutſchland iſt euer Vaterland, ſeiner zeigt euch würdig!“ Ja, ihr habt es gefunden ohne euer Verdienſt, das einige, große deutſche Vaterland. Aber ihr habt die heilige Pflicht, ihm zu dienen und eure Ergebenheit und Liebe für das Vaterland zu bethätigen, indem ihr mit ernſtem Fleiß und redlicher Arbeit, mit Ausdauer, Willenskraft und unermüdlichem Eifer beſtrebt ſeid, euch tüchtig zu machen, um an der Löſung der großen und mannigfachen Aufgaben mitzuhelfen, welche das Wohl des Vaterlandes ſeinen treuen Söhnen ſtellt. Und ſollte je die Stimme des Kriegsherrn auch euch unter die Fahnen rufen, dann dürft ihr nicht ſchwächer befunden werden an Mut und Treue, an Gottesfurcht und Hingebung, an geiſtiger und ſittlicher Tüchtigkeit, als die Männer und Jünglinge im Jahre 1870. 2


