Aufsatz 
1. Der Tag von Sedan und die Schlacht bei Leipzig. (Festrede am 2. Sept. 1895.) 2. Ansprache am 18. Januar 1896
Entstehung
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und Wirklichkeit geworden, und keine Enttäuſchung wurde diesmal uns bereitet. Was ſo lange unſer heißes Sehnen war, iſt nun erfüllt: Auf dem Haupte unſeres Königs ſtrahlt in vollem Glanze die deutſche Kaiſerkrone. Mächtig und ruhmvoll wie je, geachtet und gefürchtet von allen Nationen der Welt ſteht aufgerichtet das deutſche Reich,ein zuverläſſiger Bürge des europäiſchen Friedens, weil es ſtark und ſelbſtbewußt genug iſt, um ſich die Ordnung ſeiner eigenen Angelegenheiten als ſein ausſchießliches, aber auch ausreichendes und zufriedenſtellendes Erbteil zu bewahren, wie bei Eröffnung des erſten Reichstags am 21. März 1871 Kaiſer Wilhelm I. es verkündigt und verheißen hat.

Wenn die Feier dieſes Tages, ſo oft ſie wiederkehrt, unſere Blicke ganz beſonders auf die Männer lenkt, deren Thatkraft, Ausdauer und Opfermut die Wiederherſtellung des deutſchen Kaiſer reichs zu danken iſt; wenn wir vor allem des erhabenen Herrſchers, deſſen ehrwürdiges Bild den kommenden Geſchlechtern immer größer und ſtrahlender erſcheinen wird, jenes großen und frommen Königs, den die göttliche Vorſehung in hohem Alter auf den Thron erhoben und wie er ſelber es innig fühlte und demütig bekannte zum Werkzeuge für ihre wunderbaren Fügungen erkoren hatte, ſowie ſeines ritterlichen Sohnes, des Siegers von Weißenburg und Wörth, dankbar gedenken: ſo wollen wir dabei doch nicht ver⸗ geſſen, daß eine ſolche Schöpfung wie die des neuen deutſchen Reiches nicht das Werk eines Augenblicks oder weniger glücklicher Siegesthaten iſt, und daß ſie nicht, wie Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus, plötzlich ins Leben tritt.

So begeiſtert und trefflich geſchult die Hunderttauſende des Volkes in Waffen hinauszogen in den Kampf, als deſſen Preis ſie die Einheit, Macht und Ehre des Vaterlandes errungen haben; ſo gewaltig an Willensſtärke, Geiſteskraft und genialem Blick die Männer waren, welche die tapferen Scharen gegen die Feinde ſührten oder mitten im Donner der Schlachten mit Mut und Geſchick die Hand an den Neubau des Reiches legten; ſo groß und wunderbar für alle Zeiten die kriegeriſchen und die ſtaatsmänniſchen Leiſtungen ſind, durch deren Zuſammenwirken und großartige Erfolge die Welt in Staunen verſetzt wurde: ſo wollen und dürfen wir doch nicht vergeſſen, daß wir nicht dieſen Männern allein und nicht dieſem einzigen Geſchlechte all die Ruhmeskränze verdanken, mit welchen heute Germania geſchmückt daſteht, und daß der ſtolze Bau, der die deutſchen Stämme zu einem ſtaatlichen Ganzen vereinigt, auf einem Boden ruht, welcher durch lange, ernſte Arbeit dafür bereitet worden war. Und wehe uns, wenn dieſer Boden, auf dem allein der herrliche Bau Beſtand haben kann, durch unſere Schuld untergraben würde!

Und welches iſt dieſer Boden? Wenn wir zurückdenken an die furchtbare Zerrüttung, in welche der 30 jährige Krieg das deutſche Volk und das Reich gebracht hatte: was konnte auf ſolchem Boden Großes geſchaffen werden? Nur durch eine geiſtige und ſittliche Wiedergeburt des deutſchen Volkes konnte der feſte Untergrund gewonnen werden, auf welchem geniale und energiſche Baumeiſter endlich einen ſo mächtigen Bau aufzuführen vermochten, wie er uns jetzt Schirm und Schutz für die Arbeiten des Friedens gewährt.

Und an dieſer Wiedergeburt unſeres Volkes, da haben viele Generationen mit redlicher Anſtrengung gearbeitet; daran hat mancher unermeßlich mitgewirkt, der zwar nicht mit ſtarker Hand in den Gang der Ereigniſſe eingegriffen, ſo daß man nach Tag und Stunde auf weitſtrahlende Erfolge hinweiſen könnte, deſſen ſtille Geiſtesarbeit aber dem deutſchen Volksgeiſte die Richtung und die Kraft gegeben, durch die allein unſere Nation eine achtunggebietende Stellung wiedergewinnen konnte.