Aufsatz 
1. Der Tag von Sedan und die Schlacht bei Leipzig. (Festrede am 2. Sept. 1895.) 2. Ansprache am 18. Januar 1896
Entstehung
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Gelehrte und Gebildete hegten die Idee der deutſchen Einheit in treuem Herzen, und mehr und mehr wuchs die Zahl derer, die ein neues deutſches Reich begehrten und erhofften. Und durch die Ereigniſſe des Jahres 1848 war die Begeiſterung für ein einiges Deutſchland bis in die unterſten Schichten gedrungen und konnte nicht mehr ausgelöſcht werden.

Aber noch Jahrzehnte ſollte es dauern, es koſtete noch heiße Arbeit, viele Mühen und ſchwere Kämpfe, bis endlich jener Gedanke aus dem Reiche der Ideale auf den feſten Boden der Wirklichkeit verpflanzt, bis das deutſche Volk, das ſich eins fühlte in den höchſten geiſtigen Gütern und ein Kulturvolk im edelſten Sinne des Wortes war, endlich auch eine Nation im politiſchen Sinne werden konnte, umfaßt und getragen von einem großen, ſtarken, mächtigen Staatsweſen und einer gemeinſamen, feſten Rechtsordnung.

Erſt als die Frage, ob Deutſchland ein ohnmächtiger Staatenbund mit Oeſterreich bleiben oder ein mächtiger Bundesſtaat ohne Oeſterreich werden ſolle, durch die Schlacht bei Königgrätz(3. Juli 1866) entſchieden war: da erſt war eine neue Grundlage geſchaffen, auf welcher der Bau des neuen Deutſch⸗ lands erfolgen, da erſt war in dem Norddeutſchen Bunde der Kern gegeben, um den die deutſchen Stämme in Süd und Nord zu einem mächtigen Bundesſtaate mit kraftvoller Einheit ſich ſammeln konnten.

Und als nun im Juli 1870 die Kunde von dem, was in Ems ſich zugetragen, durch die Lande flog, da ſtand plötzlich, ein geharniſchter Rieſe, die deutſche Nation wie mit einem Schlage geeinigt da, und es vollzog ſich jener ewig denkwürdige Ringkampf, in welchem unſer ſo plötzlich geeinigtes Volk in 8 Monaten mehr und gewaltigere Siege erfocht als in vielen Jahrhunderten zuvor und der damit endete, daß auf feindlichem Boden von Fürſten und Volk König Wilhelm J., der Siegreiche, zum Kaiſer des neuen deutſchen Reiches ausgerufen wurde.

Buchſtäblich hatte ſich erfüllt, was der begeiſterte Dichter in prophetiſcher Weiſe verkündigt hatte:

Einſt geſchieht's, da wird die Schmach Seines Volks der Herr zerbrechen; Der auf Leipzigs Feldern ſprach, Wird im Donner wieder ſprechen.

Deinen alten Bruderzwiſt Wird das Wetter dann verzehren; Thaten wird zu dieſer Friſt, Helden dir die Not gebären,

Bis du wieder ſtark wie ſonſt, Auf der Stirn der Herrſchaft Zeichen, Vor Europa's Völkern thronſt, Eine Fürſtin ſonder Gleichen. Em. Geibel.

Ja, ſo iſt es gekommen! Heute dürfen wir uns ſagen und voll Dank den Allmächtigen preiſen, daß die kühnen Erwartungen, die unſer Volk an die Entſcheidungsſchlacht bei Sedan knüpfte, ſich nicht wieder als eitel erwieſen haben. Die Wirklichkeit entſpricht zwar in den ſeltenſten Fällen dem Bilde, das wir in glücklichen Stunden von der Zukunft uns entwarfen; aber was heute vor 25 Jahren unſerem geiſtigen Auge ſich zeigte, was die Phantaſie in hoffnungsreichen Farben ſich ausmalte, das iſt Wahrheit