Aufsatz 
1. Der Tag von Sedan und die Schlacht bei Leipzig. (Festrede am 2. Sept. 1895.) 2. Ansprache am 18. Januar 1896
Entstehung
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eine greifbare, allgemein verſtändliche Thatſache, die für ſich ſelber ſprach. Wer aber tiefer blickte und die Dinge in ihrem Zuſammenhange mit Vergangenheit und Zukunft zu betrachten gewohnt war, ſah in der Entſcheidung von Sedan zugleich ein Gottesgericht und das wunderbare Walten der göttlichen Vorſehung. Alle Schmach, die Deutſchland einſt von dem I. Napoleon erlitten hatte, war hier mit einem Male getilgt, getilgt und gerächt an dem III. Napoleon von dem Heldenkönig, der einſt in ſeiner Jugend mit ſeinem Vater und ſeiner edlen, hochherzigen Mutter am ſchwerſten darunter gelitten und am tiefſten die Not und das Elend des geknechteten Vaterlandes gefühlt und ſchmerzlich empfunden hatte. Zugleich aber war und darum iſt dieſer wunderbare Sieg das bedeutungsvollſte Ereignis unſerer neuern Geſchichte alle Bitter⸗ keit zwiſchen den deutſchen Stämmen denn Preußen, Bayern, Sachſen, Heſſen, Württemberger, alle hatten in gleicher Weiſe den glorreichen Sieg erringen helfen in einem großen Triumphe ausgelöſcht, aller Hader verſtummt für immer. Und damit war der Grund gelegt zu dem neuen Deutſchland, das alle Stämme von Süd und Nord zu des gemeinſamen Vaterlandes Wohl und Heil zu Schutz und Trutz in ſich vereinigt, wenn auch erſt am 18. Januar 1871 im Schloſſe Ludwigs XIV. zu Verſailles König Wilhelm J., der greiſe, ehrenſtrahlende Heeresfürſt der Deutſchen, zum Kaiſer des neuen deutſchen Reiches erhoben wunde. Dieſes war nur die notwendige Folge des Tages von Sedan.

Unwillkürlich wendet ſich unſer Blick zurück zu den gewaltigen Oktobertagen des Jahres 1813. Auch damals wurde eine Entſcheidungsſchlacht gelieferr. Der Imperator, der ſo lange die Völker und Länder Europas und namentlich unſer deutſches Vaterland unter ſein eiſernes Joch gebeugt hatte, wurde aufs Haupt geſchlagen. Obwohl auch dieſem Tage noch viel heißes Ringen folgte, ſo erfüllte doch auch damals alle das Bewußtſein, daß am 18. Oktober das Schickſal Napoleons I. beſiegelt und die Welt von der Herrſchaft des gewaltigen Cäſaren befreit ſei. Und darum iſt jener Tag vom deutſchen Volke ein halbes Jahrhundert lang als Ehren⸗ und Feſttag gefeiert worden und hat ſtets aufs neue freudige Begeiſterung geweckt und in die Herzen der Jugend den Keim der Vaterlandsliebe gepflanzt. Aber wie weit ſtehen die wirklichen Erfolge jenes 18. Oktober hinter denen des 2. September zurück! Auch damals hofften alle Edlen auf das Wieder⸗ erſtehen eines einigen, freien und mächtigen Deutſchlands und auf die endgültige Beſeitigung der übermacht Frankreichs. Was aber ging von all den ſchönen Hoffnungen in Erfüllung? Deutſchland blieb in politiſcher Hinſicht noch wie vorein geographiſcher Begriff, und Preußen, deſſen Opfermut und Heldengeiſt der Aufſchwung zu dem Befreiungskriege vornehmlich zu danken war, Preußen zählte auf Jahrzehnte hinaus nur dem Namen nach zu den Großmächten. Der Siegespreis ward dem deutſchen Volke durch fremde Tücke geſchmälert; das Blut, das auf den Schlachtfeldern von Möckern und Leipzig vergoſſen war, kam andern zu gute, die es nicht redlich mit dem deutſchen Volke meinten, da ſie von der Herſtellung eines mächtigen deutſchen Reiches ihre Intereſſen bedroht glaubten; und mancher Patriot rief damals mit bekümmertem Herzen us:Die Diplomaten verdarben, was die Schwerter erwarben!

Doch Eines hatte ſich ſeit der Schlacht bei Leipzig, die ſeine Hoffnungen und Erwartungen ſo wenig erfüllte, das deutſche Volk gerettet und treu bewahrt, das Verlangen nach deutſcher Einheit, Macht und Größe, die Hoffnung auf nationale Verbrüderung, auf ein einheitliches, ſtarkes Staatsweſen.

Immer und immer wieder ertönt dieſer Gedanke der Sehnſucht und Mahnung aus den Liedern unſerer Dichter, eines Arndt, Schenkendorf, Rückert, Geibel u. a.