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gelernt und waren zu dem Bewußtſein der Stärke gekommen, die ihnen aus der Einigkeit entſtehen würde. Und als jetzt der böſe Loki, um mit Fedor von Köppen zu reden, als der franzöſiſche Machthaber Napoleon III. an die Deutſchen herantrat und die alte Zwietracht wecken wollte, da trat ihm Germania mit dem Flam⸗ menſchwert entgegen, und jeder Deutſche empfand die von Kaiſer Napoleon dem ehrwürdigen Haupte unſeres Königs Wilhelm I. angeſonnene Schmach als eine perſönliche Herausforderung, und durch das ganze deutſche Volk erſcholl der Ruf, wie einſt auf dem Rütli:
„Wir wollen ſein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr!“
Es ging ein mächtiges Rauſchen durch den deutſchen Eichenwald, ein Jubelruf:„Hurra, Germania!“ Das alte, ſchöne Traumbild: Ein mächtiges, einiges Deutſches Reich und an ſeiner Spitze ein deutſcher Kaiſer mit Scepter und Krone als Hüter des Weltfriedens und allzeit Mehrer des Reichs an den Gütern des Friedens,— es ſtand lebendig vor der Seele der Deutſchen und begeiſterte ſie zu kühnem Wollen und zu erhabenen, ruhmvollen Thaten.
Der Stimmung des deutſchen Volkes vor Ausbruch des gewaltigen Krieges hat damals König Wilhelm den ſchönſten Ausdruck gegeben in der Thronrede vom 19. Juli 1870 vor dem Reichstage des Norddeutſchen Bundes und in dem Allerhöchſten Erlaß, durch welchen ein allgemeiner Buß⸗ und Bettag auf den 27. Juli angeordnet wurde.„Es iſt ein ernſter Kampf, den es gilt— ſo lauten die ſchlichten Worte des frommen Königs— und er wird Meinem Volke und ganz Deutſchlaud ſchwere Opfer auferlegen. Aber ich ziehe zu ihm aus im Aufblicke zu dem allwiſſenden Gotte und mit Anrufung Seines allmächtigen Bei⸗ ſtandes.— Von Jugend auf habe ich vertrauen gelernt, daß an Gottes gnädiger Hülfe alles gelegen iſt. Auf Ihn hoffe ich und fordere Mein Volk auf zu gleichem Vertrauen“ ꝛc. ꝛc.„Wir werden nach dem Beiſpiele unſerer Väter für unſere Freiheit und unſer Recht gegen die Gewaltthat fremder Eroberer kämpfen, und in dieſem Kampfe, in dem Wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu wahren, wird Gott mit uns ſein, wie Er mit unſern Vätern war.“— In keines deutſchen Mannes Bruſt lebte ein Zweifel, daß der endliche Sieg in dieſem gerechten Kampfe gegen den neidiſchen Nachbar, der dar⸗ nach trachtete, das deutſche Volk in ſeiner nationalen Entwickelung zu hemmen, den politiſchen Aufſchwung niederzuhalten, die Uneinigkeit und Zwietracht zu verewigen, uns gehören werde; aber auf einen langen und wechſelvollen Krieg, auf große Opfer und ſchwere Schläge des Unglücks hielt ſich jeder gefaßt.
Da fügte es ein gnädiges Geſchick, daß gleich beim Beginne des Krieges das Schuldbuch deutſchen Bruderſtreites zerriſſen, alle Sünden alten Haders abgethan wurden. Dieſe herzerhebende Einmütigkeit des geſamten deutſchen Volkes und der ſchnelle Anſchluß der ſüddeukſchen Staaten an Preußen war im Grunde ſchon ein erſter gewaltiger Sieg, noch ehe die Schwerter gezückt wurden. Denn dadurch, daß gegen den wälſchen Feind mit einem Male Deutſchlands zuvor getrennte Glieder wunderbar geeint waren und alle in der Gefahr zuſammen ſtanden, dadurch wurde der Krieg aus einem preußiſchen zu einem deutſchen; dadurch allein ſind die ſtaunenerregenden Erfolge ermöglicht, dadurch die ſegensreichen Wirkungen des Krieges für die Neugeſtaltung Deutſchlands herbeigeführt worden. Die Bayern halfen jetzt, von Preußens Kronprinzen geführt, die erſten Siege der deutſchen Heere bei Weißenburg und Wörth(4. und 6. Auguſt) erfechten. Unſer Fritz mit ſeinem gütigen, leutſeligen Weſen ward aller Liebling; er ſchlug die Brücke zwiſchen den Herzen von Süd und Nord.— Einſt hatte Moritz von Sachſen das Bollwerk Lothringens an die Franzoſen


