Aufsatz 
Rede , gehalten am 10. März 1913 bei der Schulfeier zur Erinnerung an den Geburtstag der Königin Luise, sowie an die Gründung der preußischen Landwehr und an die Stiftung des Eisernen Kreuzes - Rede des Herrn Professor Dr. Max Haesecke, gehalten am 10. März 1913 bei der Schulfeier zur Erinnerung an den Geburtstag der Königin Luise, sowie an die Gründung der preußischen Landwehr und an die Stiftung des Eisernen Kreuzes
Entstehung
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Volk tatsächlich eingezogen: das durch blutige Opfer unserer ruhmreichen Armee geeinte deutsche Reich auf der Höhe politischer Macht, Handel und Industrie in schwellender Blüte, gesegnet der Ertrag des Landes, ein zunehmender materieller Wohlstand in allen Klassen und Schichten des Volkes. Unsere staatliche Ordnung mit allen ihren weitver- zweigten Einrichtungen erfüllt und durchdrungen vom Geiste der Freiheit in einem Um- fange, der es allen auf das Staatswohl gerichteten Bestrebungen gestattet, ihre Kräfte un- gehindert und wirksam zu entfalten, sodaß in diesem Sinne und zu diesem Zwecke jeder einzelne an seinem Teile zur Mitarbeit berufen ist. Haben aber nach des großen Kaisers Willen die Werke des Friedens unser Volk auch auf dem Gebiete na- tionaler Gesittung in gleicher Weise und in gleichem Umfange zu fördern vermocht? Ach! Da umschlingt uns wohl alle ein gewaltiges Fragezeichen! Der allgemeine materielle Wohlstand hat leider auch zu einer übertriebenen Wertschätzung irdischer Güter geführt, die Genußsucht und den Luxus zu einer kaum noch zu überbietenden Höhe gesteigert; durch eitlen Schein und nichtigen Schimmer sucht er die Wahrheit zu verdunkeln; selbstsüchtiges Interesse und kurzsichtiges Streben trübt vielfach die Erkenntnis für die Erfordernisse des Staatswohles, blinde Parteileidenschaft zersplittert und lähmt geradezu die kostbarsten Kräfte, die in selbstloser Aufopferung, einmütig vereint, den hohen Aufgaben der Nation dienen sollten, und doch ich will den Eindruck dieses wahrlich recht.trüben, ja beschämenden Bildes nicht noch durch einen Blick in die sittlichen Zustände der Gegen- wart verschärfen. Kurz: von den Zielen wahrhaft nationaler Gesittung, die zu er- reichen, wenigstens zu erstreben der Gott des Friedens unserm Volke reichlich Zeit ge- lassen hat, entfernen wir uns anscheinend immer mehr. Daraus ergibt sich aber eine gar wichtige und ernste Aufgabe für unsere Friedensarbeit. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, des ganzen Erdballs Schätze sammelte, eindränge in alle Tiefen wissenschaftlicher Erkenntnis und nähme doch Schaden an seiner Seele? Was nützt uns die gründlichste Erforschung aller Wissensgebiete, von denen uns schon der Schulunterricht wahrhaftig eine reiche Fülle eröſſnet, wenn wir nicht befähigt werden, unser Wissen das doch immer nur Stückwerk bleibt umzuwandeln in ein zielbewußtes, tatkräftiges Handeln sittlich gefestigter, charaktervoller Persönlichkeiten, deren ganzes Fühlen, Denken und Wollen dem göttichen Ebenbilde, zu entsprechen sucht? Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, das lernt jedes Kind in der Religionsstunde; gelangt diese Gottesebenbildlichkeit bei ihm, bei uns allen auch immer zu erkennbarem Ausdruck? Wir können uns ihr nur nähern durch ein ziel- bewußtes Streben und eine planmäßige Erziehung zum ewig Schönen, Wahren und Guten. Und an dieser erziehlichen Aufgabe im Vereine mit der Schule ernstlich mitzuarbeiten, ist eine natürliche Pflicht nicht nur des Elternhauses, sondern überhaupt aller, die berufen sind, einen erziehlichen Einfluß auf die Jugend auszuüben. Wir alle sind verantwortlich dafür, daß von der Jugend alles Häßliche, Niedere und Gemeine ferngehalten und sie selbst mit Abscheu davor erfüllt werde, insonderheit vor jeder Unlauterkeit der Gesinnung und bewußter Unwahrheit, dieweil wie ein griechischer Dichter¹) sagt nichts Gutes ist

¹) Theognis in poet. lyr. ed. Th. Bergk v. 609 f: 0032 u.v, d 95˙d oαο&νσνλe Gydp xal S to, drd rearoc.