Aufsatz 
Das neue Gebäude der Oberrealschule in Marburg a.d. Lahn / vom Oberrealschuldirektor Karl Knabe
Entstehung
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man es besonders betont und hervortreten lässt. Die Liebe zur Vaterstadt, zur Heimat, die Liebe zu Fürst und Vaterland, die Liebe zu allen Mitmenschen und auch die wahre Liebe zu sich selbst, die nicht darin besteht, dass man sich möglichst viele Genüsse und Annehmlichkeiten zu verschaffen sucht, sondern darin, dass man als höchstes Gut die innere Zufriedenheit erkennen lernt, dass man in heissem Ringen und Bemühen einsieht, wie nur kraft- volle Arbeit, tüchtige Leistungen uns selbst befriedigen, diese Liebe zu wecken und zu stählen, das ist das Ziel unserer Erziehung.

Aber diese Liebe allein stände auf thönernen Füssen, wenn sie nicht als sicheres Fundament die Liebe zu Gott hätte. Blicken wir hinaus in die im herrlichen Sonnenscheine erstrahlende Welt, schauen wir die Schöpfungen Gottes, lernen wir kennen, wie Gott in den Menschen und durch die Menschen so Grosses gewirkt hat, wird da nicht unser Herz erhoben zu jener grossen, heiligen Liebe, ohne die der Mensch nichts ist. Auch zu dieser Sammlung bietet uns die Lage unseres Schulhauses die beste Handhabe. Fernab von dem rastlosen Getriebe der Welt und der Menschen können wir unser Herz und unser Sinnen sammeln zu stiller Betrachtung. Der Blick auf Natur und Kunst giebt unserem Gemüte reiche Nahrung.

So wollen wir denn auch unser weiteres Wirken Gott befohlen sein lassen, der in seiner Macht und Güte ferner mit uns sein möge. Er möge unsern Eingang in das neue Haus segnen, er mäge uns Lehrern allen Kraft und Gesundheit, Frische und Wollen, Verstand und Liebe geben und erhalten, damit wir im Stande sind, unsern schweren, aber schönen und heiligen Beruf treu und gewissenhaft zu erfüllen, damit wir in der Lage sind, das höchste Gut, was uns die Bürger dieser Stadt und der Umgegend anvertrauen, zu pflegen und zu fördern! Er möge Euch, liebe Schüler, stärken und behüten an Leib und Geist, dass Ihr zunehmt an Wissen und Können, damit Ihr einst tüchtige, braye Männer werdet, der Stadt und dem Vaterlande zur Ehre und zur Zierde! Er möge uns Festgenossen alle in seinen väterlichen Schutz nehmen und unsere Stadt und unser Land behüten und be- wahren! Das walte Gott!

Mit dem vom Schülerchor vorgetragenenWeiheliede schloss der ernste Teil der Feier.

Um 2 Uhr fand in dem schön geschmückten grossen Saale des Museums bei reger Be- teiligung ein Festmahl statt. Nach dem Trinkspruche des Herrn Oberbürgermeisters Schüler auf Se. Majestät den Kaiser widmete Se. Excellenz der Herr Oberpräsident der Stadt Marburg ein Hoch, wobei er die Leistungen derselben auf dem Gebiete des Schulwesens anerkannte und darauf hinwies, dass die Zeit nicht mehr fern sei, wo die Stellung der Oberrealschule auch ihrem äusseren Ansehen nach eine gleichberechtigte mit den sog. humanistischen Anstalten sein werde. Der Herr Regierungs- präsident von Trott zu Solz brachte ein herzliches Hoch auf Herrn'Oberbürgermeister Schüler aus, Herr Direktor Dr. Holzmüller liess das gesamte Schulwesen Marburgs leben, und Herr Buchbinder- meister Friedrich Schaaf feierte im Namen der ehemaligen Schüler die Oberrealschule.

Um 6 ½ Uhr versammelte sich in demselben Saale ein sehr zahlreiches Publikum, um einer Schüler-Aufführung beizuwohnen. Der oberste Schüler, Karl Knoch(U D, sprach folgenden Prolog:

Gegrüsset seid uns All' zum hohen Feste, Nein, das Humane ist auch unser Streben Das wir am heut'gen Tage froh begehn. Auf nationalem und modernem Grund, Willkommen Alle, die als werte Gäste Wir greifen frisch hinein ins volle Leben, Mit grosser Freude wir versammelt sehn! Und bauen darauf kräftig und gesund. Denn eine neue Stätte wird gegründet Was Euch in dieser Stunde tritt entgegen, Der Anstalt, die seit sechzig Jahren, Worin sich Kunst und Wissen kühn verband, In uns'rer schönen Stadt sich schon befindet, Nicht abseits liegt es von der Schule Wegen, Und strebet nach dem hohen Ziel: dem Wahren. Und ihren Zielen ist es nah verwandt.

Nicht das gemeine Nützlichkeitsprinzip Doch übet Nachsicht mit der schwachen Kraft, Ist unser Bildungszweck und Bildungsziel, Die uns zu eigen ist, und nehmt den Willen, Nicht nehmen in der Unterweisung wir vorlieb Der gern und frohen Mutes heute schafft, Mit praktischer Erkenntnis viel. 0, nehmt das gute Wollen fürs Erfüllen!

Dann spielten Lühl(O II) und Asteroth(O II) einen Schubertschen Militärmarsch, ferner trug Schellhase, auf dem Klavier von Lühl begleitet, eine von Soldan komponierte Romanxe auf der Violine vor. Der Knabenchor der Schule sang hierauf die beiden Lieder von Goethe:Ober allen Gipfeln ist Ruh' undSah ein Knab' ein Röslein steh'n, worauf Herr Gröll, ein früherer Schüler der Anstalt, durch einen formvollendeten Vortrag eines Satzes aus Mendelssohns G-moll-Konzert und eines Violinsolos aus demGeigenmacher von Cremona allen Zuhörern einen hervorragenden Kunstgenuss verschaffte.

Ein Herold pries dann in einem Prolog Deutschlands Machtstellung und blickte zurück auf den Begründer der Macht des preussischen Staats, den grossen Kurfürsten von Brandenburg, dessen Bild unsern neuen Schulsaal ziert:Sein Bild erfreut uns in den neuen Hallen, sein Lob soll schüchtern heut' von uns erschallen!