Aufsatz 
Das neue Gebäude der Oberrealschule in Marburg a.d. Lahn / vom Oberrealschuldirektor Karl Knabe
Entstehung
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Dies Alles liegt in dem Worte, dies Alles zu erstreben sind wir nun in dem neuen schönen Hause viel leichter noch im Stande, als bisher in den engen und beengenden Verhältnissen. In diesen drei Worten:Leben, Licht, Liebe liegt die ganze Weisheit unseres Wirkens und unseres Strebens. Wem tönt aus diesen Lauten nicht gleich das Ziel der gesamten Jugendbildung entgegen? Haben wir nicht damit die Aufforderung, fördernd einzuwirken auf die Entwicklung des Körpers, des Geistes und des Gemäts der uns anvertrauten Jugend!

Leben! Dies Wort begreift zunächst in sich die Existenz, das Dasein in der Natur, in der Welt. Ein volles, wahres Leben führt aber nur der Körper, dessen Organe möglichst entwickelt sind. Gesundheit des Leibes ist demnach das Erste, was wir zu fördern haben. Und wie bequem ist uns dies in unserem neuen Heim gemacht! Licht und Luft strömen in reicher Fülle uns zu. Grosse, weite Zimmer in richtigem Massverhältnisse werden die Jugend umschliessen, breite, luftige Gänge dienen ihr bei völlig ungünstigem Wetter zum Ergehen nach dem an- gestrengten, aufmerksamen Sitzen während der Stunde. Eine weite, von Bäumen eingefasste Fläche wird unseren Schülern die erwünschte Gelegenheit geben, in den Pausen sich zu erfrischen. Ein sich anschliessender grosser Rasenplatz soll ihnen eröffnet werden zu frischem Tummeln in fröhlichen, stärkenden Turnspielen. Eine eigene Turnhalle versammelt sie zu dem löblichen Thun, ihre Körperkräfte zu stählen und zu stärken, damit sie in den Stand gesetzt werden, als kräftige Männer Tüchtiges zu leisten und auch dem Vaterlande, falls es in Gefahr kommen sollte, mit starkem, geübtem Körper zu nützen. Vor uns liegt das neue städtische Bad, um in den kühlen Fluten Erfrischung zu bieten, neben uns erstreckt sich eine lange Wasserfläche hin, die im Winter Gelegenheit bieten soll, sich beschwingten Fusses auf der Eisfläche dahin gleiten zu lassen, eingedenk der goldenen Worte, mit denen Klopstock den Schlittschuhlauf besingt. Vielleicht entwickelt sich auch auf der glatten Fläche unserer Lahn der Rudersport.

Muss man nicht der Ansicht werden, dass unsere Oberrealschule künftighin das ursprüngliche Gymnasium der alten Griechen darstellt, das bei der geistigen Durchbildung auf nationaler Grundlage eine tüchtige körperliche Ausbildung anstrebte! Und wie wird namentlich der Gesichtssinn unserer Jünglinge ausgebildet werden kännen in unserem neuen Heim! Nach Osten und Süden schwelgt das Auge in dem frischen Grün der Natur. Fluss, Wiese, Berge und Wald bieten sich dem entzückten Auge dar. Geht ihnen da nicht ein helles Licht auf über die Wunder der Natur, werden sie nicht angeregt und begeistert durch die Wunder der Schöpfung! Werden sie nicht immer tiefer eindringen wollen in die reiche Mannigfaltigkeit und die harmonische Gesetzmässigkeit! Und bei dem Studium der Naturkörper und der Natur-Ereignisse werden sie durch die Einrichtungen unserer Schule wesentlich unterstützt. Drei grosse, hohe, vorzüglich eingerichtete Hörsäle und Arbeitsräume stehen für die Unterweisung in Physik und Chemie zur Verfügung. Was der Knabe gesehen und nicht nur gehört hat, das prägt sich seinem Gedächtnisse, seinem Verständnisse viel besser ein. Darum hoffen wir, diese Räume durch das Skioptikon auch für andere Unter- richtsgegenstände nutzbar zu machen. Durch die Naturwissenschaften lernen wir die Gesetzmässigkeit nach Zahl und Mass, die Grundlage der Mathematik. Einen Königsweg für die Mathematik haben auch wir nicht, ebensowenig wie die alten Griechen, aber wir haben in unserer Schulorganisation die Möglichkeit, alle Schüler in eine strenge geistige Schulung zu nehmen und sie zur Wertschätzung des Wahren, des Gewissen heranzuziehen.

Nach Norden und Westen fällt unser Blick auf den wunderbar schönen Aufbau unserer alten Stadt. Die schönen Formen des Universitätsgebäudes, die edlen Linien der Elisabethkirche, der hochragende Giebelbau des Rathauses, die beherrschenden Gebäude des alten Schlosses und viele andere Flächen und Linien, sie zeigen uns, dass diese geometrischen Gebilde nicht nur konstruiert und berechnet werden können, sondern dass sie auch das Kunstverständnis wecken und anregen. Diese und andere Gebäude erregen aber in uns auch die Liebe für die Heimat und für ihre Geschichte. Selten findet man mehr Anknüpfungspunkte für die Pflege des heimatlichen Bodens, für das Eindringen in das Werden und Entstehen von Staaten und Nationen als hier. Die Kulturentwicklung des deutschen Volkes von dem alten Backhause des deutschen Herrenordens, von dem Bruderhause der alten Kogel- herren bis zur Oberrealschule, hier tritt sie uns greifbar entgegen. Hier brauchen wir das Fortschreiten des deutschen Geistes, ich möchte fast sagen, nicht erst zu lehren; hier können wir es zeigen. Bedenken wir nun, dass von den ältesten Zeiten her derselbe deutsche Stamm hier gehaust, hier gelebt und gelitten hat, so werden wir auch an- geregt, die Entfaltung unserer herrlichen Muttersprache genauer zu betrachten und uns in der modernen Sprache zu einer gewissen Meisterschaft zu erheben. Aber auch auf andere Völker werden wir hingewiesen. Schauen wir auf unser Kleinod, die Elisabethkirche, so erfahren wir, dass viele ihrer Schätze ihr im Anfange dieses Jahrhunderts von den Franzosen geraubt sind, und auch sonst finden wir noch Spuren von ihnen. Aber nicht nur unheilvolle Andenken haben diese hinterlassen, nein, auch segensreiche Eindrücke haben dies Volk und andere Kulturstaaten auf unsere Nation ausgeübt. Erblicken wir im Norden den Bahnhof, so werden wir an Englands Grösse in Verkehr und Industrie erinnert. So werden wir auch von unserm Schulhause aus darauf hingewiesen, uns mit den grössten Kulturstaaten der Gegenwart und ihrer Sprache eingehend zu beschäftigen. So wird sich Licht auf allen Gebieten verbreiten. Eingehendes Verständnis der Gegenwart auf Grundlage der Vergangenheit, genaueres Kennenlernen unserer und der gleichstrebenden Nationen, das ist unser Ziel. Und dringen wir tiefer ein in das Wissen von anderen Ländern, so können wir auch zu einem innigeren Verstehen ihres Wesens gelangen. Nicht wollen wir zu einem idealistischen, schwärmerischen Kosmopolitismus führen, nein! wir wollen fest wurzeln in der Heimat, aber einen oflfenen Blick gewinnen weit darüber hinaus. Dies aber führt zur Liebe der Mitmenschen, zur Achtung vor ihren Erfolgen.

Liebe! Die Liebe ist das Grösste unter ihnen, können auch wir mit der heiligen Schrift sagen. Ab- gestreift soll werden der krasse, der abstossende Egoismus. Nicht für sich soll der Mensch denken und sorgen, sondern für sein Vaterland, für die Menschheit. Dies Fühlen und Glauben suchen wir in den jungen Menschen- kindern zu erregen und zu nähren, zu hegen und zu pflegen. Denn nicht nur Körper und Geist, sondern auch das Gemüt wünschen wir zu bilden. In dieser Hinsicht kann und muss guter Unterricht erziehend wirken, ohne dass