Aufsatz 
Das neue Gebäude der Oberrealschule in Marburg a.d. Lahn / vom Oberrealschuldirektor Karl Knabe
Entstehung
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sich mahnt nachdrücklich jung und alt: Hier soll Ordnung, hier soll Zucht, hier soll gute Sitte walten! Wahrlich, die Stadt Marburg macht ihrer Oberrealschule heute ein wertvolles Geschenk; aber so hoffen wir auch ein reichen Erfolg verheissendes Geschenk. Durch den Jubel der heutigen Feststimmung klingt zugleich der mahnende Ruf der Pflicht, klingt der Ausdruck der Erwartung, dass sich des Hauses nunmehr die Insassen würdig zu be- weisen, dass die Lehrer der Anstalt die ihnen anvertrauten Schüler heranzuziehen haben zu allem Guten und Herrlichen, heranzuziehen haben in einem Geiste, der Gott dem Herrn wohlgefällt, der der Stadt und des Staates Wohl zu fördern fähig und freudig ist.

So möge denn das Haus, das wir heute weihen, immerdar für unsere Jugend eine Pflanzstätte umschliessen des Heils und des Segens für Leib und Seele!

Im Namen der Universität wünschte Se. Magnificenz der Herr Rektor Prof. Dr. Freiherr von der Ropp der Anstalt, dass sie vertrauensvoll in die hoffentlich reiche Zukunft blicken möge. Die Glückwünsche der Schwesteranstalt, des hiesigen Königlichen Gymnasiums, überbrachte Herr Professor Dr. Weidenmüller. Die ältere, äusserlich nicht so liebreizende Schwester sei es, die der jüngeren ihren Gruss entbiete. Beide werden einmütig und einträchtig zusammen- stehen, einig trotz verschiedener Wege, einig in dem hohen Ziele, die Schüler zu tüchtigen Männern zu erziehen. auf die die Heimat stolz sein könne. Als persönlichen Wunsch fügte er noch zu die Hoffnung, dass beide Anstalten auch hinsichtlich des Reifezeugnisses bald gleichberechtigt neben einander stehen mögen.

Namens der ehemaligen Lehrer der Anstalt ergriff dann Herr Direktor Dr. Hempfing, der von 1846 bis 1898 als Lehrer und während des grössten Teils dieser langen Zeit als Leiter der Schule angehört hat, das Wort, um zum Teil mit humoristischen Wendungen von ganzem Herzen seine aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen. Er verglich sich mit Moses, der auch das gelobte Land schauen, aber nicht betreten konnte; aber der lange Weg, der bei der Beschlussfassung über den Neubau eingeschlagen wäre, sei hier doch der bessere gewesen, da wir nun ein nach Lage nnd Ausstattung vorzügliches Schulhaus erhalten hätten. Er und seine alten Kollegen hätten auch alle Ursache, sich noch völlig mitzufreuen, da sie sich noch etwas eins fühlten mit den Lehrern und den Schülern, die noch zum grossen Teile von ihnen unterrichtet seien. Mit den innigsten Wünschen für das Wohl der Lehrer und Schüler und für die weiteren Leistungen der Anstalt schloss er seine herzliche Ansprache.

Der Gesangschor trug darauf das von Valentin Traudt in Rauschenberg gedichtete und von A. Funk in Marburg komponierte LiedGruss an Marburg vor, worauf Herr Fabrikant Hering im Namen der ehemaligen Schüler seine Glückwünsche aussprach. Er teilte mit, dass frühere Schüler und Freunde der Anstalt die in Glasmalerei ausgeführten Fenster des Festsaales auf der nördlichen und westlichen Wand, ferner die Instrumente und Abzeichen für ein Trommler- und Pfeifer-Korps der Schule, zwei ehemalige Schüler(Fabrikanten Hebebrand) das den grossen Kur- fürsten darstellende Olgemälde(nach Camphausen), ein weiterer(Fabrikant A. Schäfer) einen reich geschnitzten Lehnstuhl gestiftet hätten. Mit dem Wunsche, dass in diesem Hause die Jugend zu tüchtigen und braven Männern heranwachsen möge, überreichte er, die Stiftungsurkunde dem Direktor, der auf alle diese Glückwünsche mit folgender Festrede herzlichsten Dank abstattete:

Hochansehnliche Festversammlung!

Indem ich heute in dieser weihevollen Stunde das mir mit so liebenswürdigen, herzlichen Worten von Ihnen, hochgeschätzter Herr Oberbürgermeister, übergebene stattliche Gebäude als unser neues Schulbaus übernehme, drängt es mich, in erster Linie dem Allmächtigen Dank zu sagen für alle Treue und Güte, die er während der Bauzeit allen Beteiligten in reichem Masse bewiesen hat. Alle unsere Wünsche und Bitten, die wir am 13. Juni des vergangenen Jahres bei der Grundsteinlegung zu Gottes Thron emporsandten, hat er in seiner Güte erfüllt. Ohne einen Unfall ist dieser grosse Bau in so kurzer Zeit vollendet worden. Ihm Sei Lob und Preis dafür! Amen!

Aber an diesem Tage der Freude ist unser Herz des Dankes voll und übervoll. Seiner Majestät, unserem erhabenen Herrscher, statte ich für die huldvolle Auszeichnung unserer Anstalt den allerunterthänigsten Dank ab. Wir hoffen, dass sein erhabenes Wirken auch den Grundlagen, die unsere Schule vermitteln soll, immer weitere Anerkennung verschaffen möge, und geloben, an unserem bescheidenen Teile dazu mit beizutragen, dass das höhere Unterrichtswesen sich zu immer reicherem Segen entfalten möge. Ew. Excellenz, hochgebietender Herr Oberpräsident, danke ich in ebrerbietigster Weise für die hochgeneigten Worte, mit denen Sie die Allerhöchsten Gnadenbeweise zu begleiten die Güte hatten. Uns Lehrern ist ja noch tief ins Herz eingegraben die fürsorgliche Wertschätzung, mit der Eure Excellenz in einem früheren Amte uns beehrt haben, und wir sind beglückt in Eurer Excellenz einen so wohlwollenden Vorgesetzten verehren zu können. Besonders erhöhen auch die Worte, die Euer Excellenz heute und vor einigen Tagen gesprochen haben, in uns den Mut nach geiterem Streben um allgemeine Anerkennung unsrer Schulart. In diesem Sinne danke ich auch aus vollem Herzen Ihnen, hochgeehrter Herr Kollege Holzmüller, dafür, dass Sie so liebenswürdig sind, bei unserer Feier den von ihnen geschaffenen Verein zur Förderung des latein- losen höheren Schulwesens zu vertreten.