Aufsatz 
Das neue Gebäude der Oberrealschule in Marburg a.d. Lahn / vom Oberrealschuldirektor Karl Knabe
Entstehung
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Richtung, die auch diese Schule vertritt, zu dem erwünschten und ersehnten Ziele zu führen. In der Arbeit dieser Schule ist die äussere Gestaltung, in der die Bildungs- und Erziehungs-Arbeit sich vollzieht, gewiss nicht die Haupt- sache und hat allein noch viel weniger Bedeutung für den Erfolg. Aber jedenfalls ist eine solche äussere! Gestaltung von einer ganz besonders wichtigen Bedeutung, und es will mir scheinen, dass dieses in hohem Masse hier der Fall ist, wo in einer sehr anerkennenswerten Weise bis in die kleinsten Beziehungen und Details hinein alles geschaffen ist, um dem wesentlichsten Zwecke der Anstalt auf der Grundlage der Errungenschaften der Wissenschaften gerecht zu werden. Das verdient hervorgehoben zu werden, und deshalb ist es mir eine ganz besondere Freude, aſs Ver- treter der Staatsregierung und des Provinzial-Schulkollegiums die volle Anerkennung beider Behörden aussprechen zu dürfen und zwar allen denen, welche zur Erreichung dieses Zieles mitgewirkt haben. Ein gutes Mass von Energie, von Sorgfalt in der städtischen Verwaltung und ein hoher Grad von Liebe und Opferwilligkeit in der Be- völkerung dieser Stadt haben zusammengewirkt, um dieses Ziel zu erreichen, das ist des Lobes wert.

Insbesondere Ihnen, mein hochverehrter Herr Oberbürgermeister, möchte ich nicht nur meinen, sondern den Dank aller Anwesenden, die an der heutigen Feier beteiligt sind, in besonderem Masse aussprechen. Was heute vor unserm Auge erscheint, ist nur ein kleiner Teil ihrer Thätigkeit in Erfüllung des Ziels,[dass Sie sich zum Wohle der Stadt Marburg gesteckt haben. Darum ist es mir eine ganz besondere Freude, dies hier hervorheben zu dürfen, und ich fühle es als eine Ehre, dass ich beauftragt bin, Ihnen mitzuteilen, dass auch Seine Majestät das anerkannt und Ihnen zum heutigen Tage den Kronenorden 3. Klasse verliehen haben.

Auch dem Manne, aus dessen Kopfe der Plan zu diesem schönen Gebäude hervorgegangen ist, der in vielen ungezählten Stunden bei der Sache dieses Baues war, und der heute in der Vollendung desselben sein schönstes Ziel sieht, auch diesem Herrn möchte ich einen ganz besonderen Dank aussprechen. Ich bin so glücklich auch ihm mitteilen zu können, dass Seine Majestät ihm den Kronenorden 4. Klasse zu verleihen geruht haben.

Verehrte Festversammlung! Diese Austalt tritt nun in ihre Thätigkeit, sie heisst eine Realanstalt; aber wir haben vor wenigen Tagen in diesen Räumen ein anderes»Fest, möchte ich fast sagen, gefeiert, eine Ver- sammlung, in der Männer bei einer andern Aufgabe beteiligt gewesen sind, nämlich die Mittel, Wege und Ziele zu ergründen, welche auch für diese Anstalt bei ihrer weiteren Arbeit massgebend sein sollen. Es ist gewiss mit Lob anzuerkennen, dass in allen diesen Verhandlungen die dringende Uberzeugung hervorgetreten ist, dass auch diese Bildungsform nicht rein reale Zwecke, sondern allgemeine, ideale Bildungszwecke verfolgen soll, dass es ihre Auf- gabe ist, dieselbe Grundlage allgemeiner Bildung und Erkenntnis zu finden und zu geben, wie unsre alten Schwester- anstalten. Möge die Anstalt diesen Zielen nachstreben, möge sie sich in aller Zeit bewusst sein, dass es die Pflege idealer Aufgaben, dass es die Erziehung zur sittlichen Kraft, zum sittlichen Bewusstsein gilt, der auch sie dienen soll!

lch bitte, Herr Direktor, Ihnen aussprechen zu dürfen, dass die Staatsregierung überzeugt ist, dass Sie und Ihre Herren Kollegen auf dieser Grundlage weiter arbeiten werden. Alles, was Sie bisher erfolgreich gethan haben, das findet seinen Ausdruck auch in Gnadenbezeugungen, die Ihnen zu teil geworden sind. Ich bin beauf- tragt Ihnen zu sagen, dass Ihnen sowohl, wie dem ersten Lehrer der Anstalt, Herrn Professor Hölzerkopf, Seine Majestät geruht haben den roten Adlerorden 4. Klasse zu verleihen.

So möge denn Gott der Herr diese Anstalt schützen und fortleiten, und mögen auch die Schüler, die aus dieser Bildungsstätte hervorgehen, zu treuen, tüchtigen, nicht um elenden Gewinn, sondern um der Sache willen arbeitenden, gesunden Männern unsers Volkes werden!

Nachdem dann der Herr Regierungspräsident von Trott zu Solz unter Hinweis darauf, dass er von seiner früheren Anwesenheit in Marburg her noch mit warmem Herzen an der Stadt hänge, die herzlichsten Glückwünsche ausgesprochen hatte, führte der Herr Geheime Regierungs- und Provinzial-Schul-Rat D. Dr. Lahmeyer Folgendes aus:

Hochgeehrte Festversammlung! Liebe Lehrer und Schüler!

Pflicht und Freude ist es für mich, an dem heutigen Tage, der in der gedeihlichen Fortentwicklung dieser Schule einen bedeutsamen Markstein bildet, meinen herzlichen Glückwunsch auszusprechen. Wertvolle Gaben sind der Anstalt in dem laufenden Jahre zuteil geworden: innerhalb weniger Monate ist sowohl ihre innere Ausgestaltung, als auch ihre äussere Ausstattung zum Abschlusse gekommen. Ende Mai dieses Jahres ist die Anstalt als Oberrealschule anerkannt worden. Die städtischen Behörden sind meines Erachtens wohl beraten gewesen, als sie sich entschlossen, der lernbegierigen Jugend zu Marburg neben dem altehrwürdigen staatlichen Gymnasium ihrerseits eine lateinlose Vollanstalt zugänglich zu machen, eine Schule, die ihre Zöglinge auch ohne eingehendere Kenntnis des klassischen Altertums, die nicht für jedermann erforderlich ist, zu trefflich gebildeten Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft, zu tüchtigen Vertreteru ihres Standes heranzubilden geeignet ist. Aber die Stadt hat auch weiter gesorgt: Mit dem heutigen Tage bietet sie der Schule ein neues, allen Anforderungen entsprechendes Heim, eine für Leib und Seele wohlgeeignete Bildungsstätte. Die weiten Räume, die luftigen Hallen, der aus- gedehnte Spielplatz geben die Gewähr, dass hier des Leibes Kraft und Gesundheit gewahrt und gemehrt werden soll; die hellen, freundlichen Klassenzimmer, die wohl ausgestatteten Anschauungs- und Vortrags-Zimmer, die zweck- entsprechenden Sammlungsräume bieten dem Unterrichte das, was ihm Not thut, um der Jugend klare Anschauung, gediegene Kenntnisse, wachsendes Verständnis zu vermitteln. Und der stattliche Saal, in dem wir jetzt weilen, ist recht geeignet zu dem Zwecke, die Schule in ihrer Gesamtheit zu vereinigen, Lehrer und Schüler, um Gott dem Herrn die Ehre zu geben, um unserm Kaiser und Könige von Herzen zu huldigen, um die Ehrentage unsers Volks und die Festtage der Schule in gemeinsamer Feier zu begehen. Mit wahrer Befriedigung habe ich von dem Schul- gebäude und seinen Räumen genauere Kenntnis genommen. Ich habe mir gesagt: Hier wird der Unterricht mit Lust und Liebe erteilt, mit Lust und Liebe entgegengenommen werden. Ich habe mir gesagt: Schon das Haus an