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gestellt werden müssen, räumlich namentlich seit der Zeit nicht, als die Realschule auswuchs und sich die Zahl der Schulklassen und der Schüler vergrösserte.
Zunäãchst war von vornherein die Möglichkeit des Neubaues an der alten Stelle ausgeschlossen. Dazu war der Bauplatz zu klein und nicht erweiterungsfähig, auch fehlte es in der Nähe an dem nötigen Platze für eine Turnhalle und für einen Turn- und Spielplatz. Es musste sich also nach einem anderen geeigneten Bauplatze umgesehen werden.
Das war aber um so schwieriger, als der nicht unberechtigte Wunsch vorlag, die Schule möglichst in der Altstadt zu erhalten und zwar in einer möglichst zentralen Lage, weil sich die Stadt, durch den Schlossberg ge- trennt, in eine Nord- und Südstadt teilt, die sich ganz unverhältnismässig über 3 km weit ausdehnt.
Gern hätte daher die Stadtverwaltung das ihr gehörige Grundstück hinter der Mainzergasse, das der- malige Arbeitshaus, dazu verwendet.
Der Mangel an genügenden Zugängen, die steil aufsteigende Lage des Bauplatzes, bautechnische und finanzielle Bedenken nötigten indessen die Stadtverwaltung diesen Plan fallen zu lassen.
Lange Zeit war es nun nicht möglich, einen anderen geeigneten Bauplatz zu beschaffen, bis endlich in- folge der Kanalisation der Stadt und der zu ihrem Schutze notwendig gewordenen Eindeichung des in der Ebene gelegenen, die Nord- und Südstadt verbindenden sog. Biegens die Anlage eines neuen Stadtteils ermöglicht wurde, in welchem die Stadt selbst ein seiner zentralen und gesunden, von allem störenden, geräuschvollen Verkehr ent- fernten Lage wegen zu Schulzwecken wie geschaffenes, mehrere Acker grosses Grundstück, die sog. Bleiche, besass.
Da die Bleichen durch den Hochwasserschutzdamm von dem Lahnwasser abgeschnitten und von neuen, mit Häusern anzubauenden Strassen umgeben und durchschnitten wurden, so konnte dieses Gelände ohnehin für die Zukunft als Bleiche nicht mehr benutzt werden. Es wurde daher von den städtischen Behörden beschlossen, nun nicht länger zu säumen und den Neubau für die Oberrealschule auf diesem Bleichgrundstück und daran an- schliessend eine Turnhalle nebst grossem Turn- und Spielplatz, die Badeanstalt und eine Schlittschuhbahn längs der Lahn auf dem zwischen der Lahn und dem Hochwasserschutzdamm gebildeten Vorlande durch Abtrag bis auf 50 cm unter dem mittleren Wasserstand der Lahn herzustellen.
Unter zweckmässiger Benutzung der bei dem Bau der neuen Bürgerschulen und namentlich des Knaben- schulhauses gesammelten Erfahrungen wurde dann unverweilt von dem Kuratorium der Oberrealschule das Bau- programm entworfen, die Baupläne nebst Kostenanschlägen vom Stadtbaumeister Herrn Broeg aufgestellt und, nachdem diese mit geringen Abänderungen von den städtischen Behörden und der Königlichen Schulaufsichtsbehörde ge- nehmigt waren, mit dem Bau begonnen.
Am 13. Juni 1898 konnte bereits in einem feierlichen Akte der Grundstein gelegt werden. In der ver- hältnismässig kurzen Zeit von kaum 1 ½ Jahren ist dann der Bau und zwar, Gott sei Dank, ohne irgend einen Unfall fertig gestellt.
Würdig reiht sich derselbe den vielen monumentalen Bauwerken der Universität und Stadt an.
Auch die innere Einrichtung, in der wir im Übrigen allen Luxus zu vermeiden gesucht haben, dürfte allen zeitgemässen Anforderungen entsprechen.
Aufrichtiger Dank sei hiermit Allen ausgesprochen, welche zum Gelingen dieses schönen Bauwerkes beigetragen haben, dem Kuratorium der Oberrealschule, der Baukommission, dem Stadtbaumeister und dessen Assistenten, den Bauunternehmern, Werkmeistern und deren Gehilfen und Gesellen.
Und so übergebe ich denn Ihnen, sehr geehrter Herr Direktor, freudig bewegten Herzens dieses Haus mit den innigsten besten Wünschen für unsere von Ihnen geleitete Oberrealschule.
Möge die Oberrealschule neben der Vorbereitung ihrer Schüler für die Aufgaben des praktischen Lebens auch die höchsten idealen Güter des Lebens, Religion, Wissenschaft und die Liebe zum Vaterlande, stets pflegen, damit die Schüler dieser Anstalt zu echt deutschen, vaterländisch gesinnten Männern, empfänglich für alles Gute, Schöne und Edle heranwachsen.
Mögen die Schüler unserer Oberrealschule durch treue Pflichterfüllung den Dank abtragen, den sie ihren Lehrern und der Stadt Marburg, die ihnen mit grossen Opfern dieses schöne Heim geschaffen hat, schulden! Ge- schieht dieses, dann wird von dieser Bildungsstätte reicher Segen ausgehen, zum Wohle unserer lieben Stadt Marburg und unseres teueren Vaterlandes und das schwere Opfer, welches die Stadt gebracht hat, nicht vergeblich gewesen sein.
Verleihe Gott, der Herr, diesem Hause und allen Lehrern und Zöglingen unserer Oberrealschule bis in die fernsten Zeiten Schutz und Segen!
Der Gesangschor stimmte dann unter der Leitung des Herrn Hauptlehrers Herrmann, dem wir für seine Mühewaltung noch besonders danken, den Jubelchor aus Glucks„Iphigenie“ an, worauf Se. Excellenz der Herr Staatsminister und Oberpräsident Graf Zedlitz-Trützschler
das Wort ergriff: Hochgeehrte Festversammlung, geehrte Damen und Herren!
In der Festschrift, welche Direktor und Lehrerkollegium dieser Anstalt zu der heutigen Feier als Morgen- gabe geweiht haben, ist auf die Entwicklungsgeschichte derselben im Zusammenhange mit der Schulform, der diese Anstalt angehört, hingewiesen. Diese Entwicklungsgeschichte weist uns zurück auf ein 200 jähriges Ringen nach Anerkennung. Es ist seit den ersten Aufängen viel erreicht, aber niemand in diesem Saale wird meinen,— und ich bin gewiss, dass dies bei dem Lehrerkollegium dieser Anstalt besonders der Fall ist— dass schon alles erreicht sei, dass nicht noch viel geschehen müsse an Vertiefung, an Erweiterung, um diese vorher gekennzeichnete


