Aufsatz 
Das neue Gebäude der Oberrealschule in Marburg a.d. Lahn / vom Oberrealschuldirektor Karl Knabe
Entstehung
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2. Feier der Einweihung des neuen Gebäudes.

Nachdem der Bau so schnell gefördert worden war, dass er Ende September 1899 im wesentlichen vollendet war, wurde in den Herbstferien die Einräumung des Schulinventars vor- genommen. Am 7. und 8. Oktober tagte in den neuen Räumen die VI. Hauptversammlung des Vereins zur Förderung des lateinlosen höheren Schulwesens, welche die Einweihungsfeier auf das Würdigste einleitete. Der 10. Oktober brachte uns dann die Einweihungsfeier des Neubaues für die Ober- realschule, deren erste Anfänge grade 61 Jahre zuvor ins Leben getreten waren.

Die Schüler der obersten Klassen holten unter Vortritt von Musik und dem durch gütige Stiftungen errichteten Trommler- und Pfeifer-Korps die hauptsächlich durch Beiträge von Lehrern und Schülern der Anstalt beschaffte Schulfahne aus der Wohnung des Direktors ab und versammelten sich mit dem gesamten Schulkörper in dem Schulsaale des alten Gebäudes. Hier wies der Direktor auf die Bedeutung des Tages hin und nahm Abschied von der alten, lieb gewordenen Stätte. Nach einem mit Begeisterung aufgenommenen Hoch auf den Kaiser wurde das Lied:Unsern Ausgang segne Gott gesungen. Dann zog die gesamte Schulgemeinde durch die Strassen der Stadt in das neue Haus.

In dem neuen, reich ausgeschmückten Festsaale versammelten sich dann ausser den Schülern und Lehrern der Anstalt und Angehörigen noch viele eingeladene Ehrengäste, so Se. Excellenz der Herr Staatsminister und Oberpräsident unserer Provinz Graf Zedlitz-Trützschler, Herr Regierungspräsident von Trott zu Solz und Herr Geh. Regierungs- und Provinzial-Schulrat D. Dr. Lahmeyer aus Kassel, ferner Se. Excellenz Herr Generallentnant z. D. Kleinhans, der Kurator der K. Universität, Herr Geh. Oberregierungsrat Dr. Steinmetz, Se. Magnificenz der Rektor der Universität, Herr Prof. Dr. Frhr. von der Ropp, Herr General von Abell, Ilerr Landgerichtspräsident Bernhardi, Herr Oberstleutnant und Bezirkskommandeur Rogalla von Bieberstein, der Kommandeur des Jäger- bataillons Nr. 11 Herr Major von Borries. Herr Landrat von Negelein, Herr Professor Dr. Weiden- müller in Vertretung des erkrankten Königl. Gymnasialdirektors mit mehreren seiner Herren Kollegen, Herr Direktor Prof. Dr. Holzmüller aus Hagen als Vertreter des Vereins zur Förderung des lateinlosen höheren Schulwesens, Herr Oberbürgermeister Schüler mit sämtlichen Mitgliedern des Kuratoriums und vielen Mitgliedern des Magistrats, Ilerr Rechtsanwalt Dörffler als Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung mit ſast sämtlichen Angehörigen dieser Körperschaft, Vertreter der Geistlichkeit, Herr Direktor a. D. Dr. Hempfing und andre im Ruhestande lebende Herren Kollegen, Herr Stadtschulinspektor Direktor Dr. Seehaussen, Ierr Rektor Zinn, die Lieferanten und Meister, welche beim HBau beteiligt waren.

Nach dem mit Begleitung des Harmoniums gesungenen ChoraleLobe den Herrn bestieg Herr Oberbürgermeister Schüler das Rednerpult zu folgender Ansprache:

In froher Feststimmung haben wir uns, in diesen schönen Räumen unseres neuen Oberrealschulgebäudes zusammengefunden, um dasselbe heute seiner Zweckbestimmung zu übergeben.

Erhöht wird unsere Freude durch die grosse Zahl der Gäste, welche erschienen sind, um an unserer Freude Teil zu nehmen und durch ihre Teilnahme zu bezeugen, dass sie den Wert dieser Bildungsstätte zur Vor- bereitung der Jugend für die Aufgaben des Lebens auch ihrerseits anerkennen.

Es gereicht mir zur besonderen Ehre, Sie alle im Namen der Stadt zu begrüssen und Ihnen den besten, aufrichtigsten Dank für Ihre Teilnahme und Ihr Erscheinen auszusprechen.

Ganz besonderen ehrerbietigen Dank sage ich Seiner Excellenz dem Herrn Oberpräsidenten, Staatsminister Grafen von Zedlitz-Trützschler, den wir zum ersten Male in unserer Mitte zu begrüssen Gelegenheit haben, dem Herrn Regierungspräsidenten von Trott zu Solz und dem Herrn Provinzialschulrat Geh. Rat Dr. Lahmeyer mit der Bitte unserer Anstalt auch ferner Ihr fürsorgendes Wohlwollen zu erhalten.

Meine Herren! Marburg mit seiner Universität an der Spitze ist vorzugsweise eine Schulstadt. Mit der Blüte der Schulen steigt auch die Blüte der Stadt, das hat die Entwickelung der Geschichte Marburgs gezeigt und bedarf keines weiteren Nachweises. 3

Darum war es auch eine der Hauptaufgaben der Stadtverwaltung, auf die beste und zweckmässigste Aus gestaltung unserer Schulen nach allen Richtungen hin bedacht zu sein, darum sind wir auch unablässig bemüht gewesen, unsere Schulen den Ansprüchen der Neuzeit entsprechend auszugestalten und namentlich auch die Gebäude für unsere Schulen so herzustellen, dass Gesundheit, Arbeitskraft und Arbeitsfrische in ihren Räumen wohnen, zum Heil und zur Ehre der Stadt, zum Wohl und zur Freude der Familien, zum Segen der künftigen Geschlechter.

Nur die Oberrealschule machte uns hierbei besondere Schwierigkeiten.

Das alte, ursprünglich hierfür nicht bestimmte Schulgebäude dieser Anstalt entsprach in vieler Hinsicht und insbesondere auch räumlich nicht den Anforderungen, welche in hygienischer und pädagogischer Beziehung