Aufsatz 
Das neue Gebäude der Oberrealschule in Marburg a.d. Lahn / vom Oberrealschuldirektor Karl Knabe
Entstehung
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Besteiger unserer schönen Berge wird seinen Blick znerst ruhen lassen auf der Schöpfung, an dessen Wiege wir jetzt stehen, der Reisende, der im schnaubenden Dampfrosse vorübereilt, wird im Fluge ein Bild in sich anfnehmen von dem stattlichen Neubau, der Spaziergänger, der nach des Tages Last und Hitze hier an den kühlen Fluten der Lahn entlang seine Schritte lenkt, wird sich erfreuen an den edlen Formen des neuen Gebäudes.

So hoffen wir, und so wünschen wir, dass dies neue Haus eine neue Zierde unseres städtischen Gemein- wesens sein werde. Und wie uns somit die Gegenwart mit unwiderstehlicher Gewalt zu einem Blick in die Zukunft anregte, so zieht sie unseren Blick auch zurück in die Vergangenheit. Dort oben, in lichter Höhe, an einem freien, mit herrlicher Aussicht gezierten Platze thront hoch überragend unser bisheriges Heim. Schon manches Jahr will es nicht mehr ausreichen, und wir werden uns freuen, wenn wir bald die alte, doch lieb gewordene Stätte verlassen können, um in diese weiten, lichten Räume unseren Eingang zu halten. Und doch! welch einen Fortschritt bedeutete schon jenes Haus! Die Anfänge führen uns zurück in zwei enge bescheidene Zimmer in dem alten städtischen Hauseam Grün. Nicht gar lange war dort ein Bleiben mõöglich, dann half man sich mit einigen ermieteten Räumen in einem Privathause in der Nikolaistrasse. Nach manchen Stürmen, die über unsere Schule dahinbrausten und ihre Existenz oft genug in Frage stellten, kamen endlich ruhigere Zeiten, wenn auch da die Stürme noch nicht ausblieben. Und auch in den räumlichen Verhältnissen entwickelte sich eine gewisse Konstanz. In dem für ewige Zeiten zu einem Schulhause bestimmten Gebäude hoch oben am lutherischen Kirchplatze bekam unsere Anstalt ihre Behausung angewiesen wenn auch zunächst noch in recht bescheidenem Masse. Denn die meisten Räume darin nahm die Knabenbürgerschule ein, nur der oberste Stock allein war der Real- bezw. höheren Bürgerschule zu- gewiesen. Nur allmählich, kaum schritthaltend mit der Ausdehnung der Anstalt, nahm auch die Zahl der ein- geräumten Zimmer zu. Noch lange Zeit diente das Haus zugleich einem Lehrer zur Wohnung, den wir zu unserer Freude noch rüstig hier weilen sehen. Auf die Dauer war auch dies nicht mehr angängig.

Die ungeahnten Fortschritte der Naturwissenschaften beanspruchten für die Unterweisung grössere Räume, die Schulhygiene verlangte für das körperliche Wohl der Lernenden eine grössere Sorgfalt, die wachsende Schüler- zahl machte grössere Zimmer nôtig. So kam es denn, dass mit dem Beschlusse zum Ausbau unserer Schule zu einer zeitgemässen Vollanstalt zugleich der hochherzige Beschluss gefasst wurde, ihr ein neues, würdiges Heim zu schafſen, an dessen Wiege wir nun hier stehen. So haben wir an die Gegenwart die Vergangenheit und die Zukunft angeknüpft. Der Kreislauf ist vollendet. Hoffnungsfreudig lüften wir den dichten Schleier, der die kommenden Geschicke dem menschlichen Auge verbirgt.

Hoffnungsfreudig! Denn wir alle hoffen und wünschen in unserem Herzen, dass in diesem vor unseren Augen entstehenden Gebäude immer Lehrer wirken werden, die erfüllt von der Bedeutung ihres schweren, aber idealen Berufs der ihnen anvertrauten Jugend das Beste und Höchste mitgeben, was sie sich selbst in heissem Be- mühen und kraftvollem Streben errungen haben. Wir hoffen aber auch, dass in diesen Mauern nur Knaben und Jünglinge herangebildet werden, die nicht nur erfüllt sind mit den reichsten Schätzen des Wissens, sondern die auch körperlich und geistig zu tüchtigen Männern heranwachsen, tüchtig vor Allem im sittlichen Willen, im Charakter. Mägen die Schüler, die dermaleinst dies vor uns entstehende Gebäude besuchen, mögen diese so erzogen werden, dass sie jederzeit Gott die Ehre geben, dass sie eine kräftige Wehr bilden für Staat und Stadt gegen alle äusseren und inneren Feinde, dass sie im Stande sind, das theoretische und praktische Wissen zu fördern und zu mehren auf allen Gebieten des Lebens. Das walte Gott!

Redner verlas dann Glückwünsche des Herrn Provinzialschulrats Dr. Otto aus Cassel und des langjährigen früheren Direktors der Anstalt, Herrn Dr. Hempfing, ferner teilte er die Akten- stücke mit, die in einer Kapsel in den Grundstein eingemauert wurden. Nach einem Chorale überreichte Herr Stadtbaumeister Broeg mit den WortenIch will wünschen, dass das Gebäude zum Segen gereiche den mit Blumen geschmückten Hammer dem Herrn Oberbürgermeister Schüler, der mit dem Wunsche:Der Stadt zur Zierde, uns Alten zur Freude, der Jugend zum bleibenden Segen! die drei Schläge ausführte. Es folgten die Herren: Stellvertreter des Stadt- verordnetenvorstehers Berdux:Deutscher Glaube, deutsche Treue, deutscher Mut, Pfarrer Scheffer, Vertreter des Kuratoriums:Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen, Gymnasialdirektor Dr. Buchenau:Der Stadt zu Nutz, der Jugend zum Schutz, allem Bösen zum Trutz!, Stadtschulinspektor Direktor Dr. Seehaussen:Der Jugend Heil für alle Zeit sei dieser Bau mit Gott geweiht!, Pfarrer Heermann:Einen andern Grund kann niemand legen als den. der gelegt ist durch Jesus Christus, Pfarrer Dr. Weber: Pro Deo, urbe et patria!, Provinzial-Rabbiner Dr. Munk:Glaube, Wissen, Menschenliebe!, Direktor Dr. Knabe:Gott zur Ehr', Staat und Stadt zur Wehr, der Jugend zur Lehr' und endlich der oberste Schüler Karl Knoch(O0II):Es wachse, blühe und gedeihe!

Mit einem gemeinsamen Chorale schloss die Feier. Am Nachmittage fand dann auf dem Dammelsberge für die Schüler ein Waldfest statt, an dem sich zahlreiche Angehörige und Freunde der Anstalt beteiligten.

* das jetzt niedergelegt ist.