1. Feier zur Grundsteinlegung des neuen Schulhauses.
Schon seit Jahren war es klar, dass die städtische höhere Schulanstalt in den bisherigen Räumen auf die Dauer nicht verweilen konnte, aber lange Zeit war kein geeigneter Platz für einen Neubau zu ermitteln, während ein Anbau sich aus verschiedenen Gründen ebenfalls nicht bewerk- stelligen liess. Im Jahre 1891 legte auf Veranlassung des Herrn Oberbürgermeisters Schüler der Stadtbaumeister Herr Broeg einen Situationsplan für das Projekt eines Neubaues des Schulhauses an der Stelle des Arbeitshauses vor, die eingeleiteten Verhandlungen mussten jedoch abgebrochen werden. Aber bald beschloss man für den Neubaufonds jährlich 10 000 Mark zurückzulegen.
Unterdessen begannen seit dem Jahre 1893 die Verhandlungen über den weiteren Ausbau der Schule, die seit Ostern 1892 aus einem Realprogymnasium allmählich in eine Realschule um- gewandelt wurde. Nachdem der Plan einer Verbindung der Anstalt mit einer zu begründenden Landwirtschaftsschule wieder fallen gelassen war, wurde nach eingehenden Beratungen im Februar 1898 der Ausbau zur Oberrealschule beschlossen und von Ostern an ausgeführt.
Zu gleicher Zeit war man auch mit dem Bauprogramm fertig geworden. Auf der ehe- maligen städtischen Bleiche bot sich ein nach jeder Richtung geeigneter Platz, auf dem Ende April 1898 das Ausschachten begonnen wurde, nachdem das Bauprojekt am 23. März vom Ministerlum gut geheissen war; die endgiltige Genehmigung wurde am 28. Mai 1898 ausgesprochen. Die Funda- mentierung war unterdessen so weit vorgeschritten, dass am 13. Juni 1898 die Grundsteinlegung in feierlicher Weise begangen werden konnte.
Auf dem mit Fahnenstangen und Guirlanden ausgeschmückten Platze hatten sich um 11 Uhr die Vertreter der städtischen Behörden, die Geistlichkeit und viele Interessenten ver- sammelt, als die gesamte Schulgemeinde unter Vorantritt eines Musikkorps anrückte und in weitem Bogen Aufstellung nahm. Die PFeier begann mit einem Gebete des Herrn Pfarrers Schindewolf, evang. Religionslehrers der Anstalt, in dem er den Segen des Allmächtigen auf das neue Gebäude herabflehte, worauf der Sängerchor der Realschule einen Choral sang. Alsdann hielt der Direktor folgende Ansprache:
Nach guter alter deutscher Sitte haben wir uns heute hier versammelt, um dem Beginn des Aufbaues eines neuen stattlichen öffentlichen Gebäudes eine besondere Weihe zu geben. Wie der Kaufmann in der Regel ein neues Hauptbuch beginnt mit den Worten„Mit Gott', wie ein neues Schiff unserer jungen, aber doch schon kräftigen Marine mit einer besonderen Peier seiner Bestimmung übergeben wird, wie der Soldat und Beamte seinen Dienst
Möge kein Kummer und keine Sorge, keine Not und keine Trübsal mit in dies Haus hineingebaut werden! Möge es entstehen in einer Zeit, die Frieden und Segen über unser Land und unsere Stadt herbeiführt, möge es wachsen und sich vollenden unter stets steigender Teilnahme aller derer, die ratend und thatend an dem Gebäude und seiner Bestimmung mitzuwirken berufen sind!
Vor unseren Augen ausgebreitet, zeigen die Grundmauern uns schon deutlich die künftige Bestimmung des Hauses, dessen Eckstein wir zu legen im Begriffe sind. Nach zwei Fronten dehnt es sich aus: diejenige nach Osten lässt uns eine Anzahl von übereinstimmenden Zimmern sehen, in dem harmonisch und angemessen berechneten Grössenverhältnisse von ungefähr 9 Meter Länge zu 6 Meter Breite. Nach dieser Seite hin, der zukünftigen Savigny- Strasse, entdecken wir die Spuren grösgerer Verhältnisse. Ein mit Säulen verzierter Eingang wird hier aufgeführt werden, an den sich nach der Stadtseite zu ein grosser Saal anreihen wird, der uns zu unseren Feierlichkeiten aufzunehmen bestimmt ist. Die Dicke der Grundmauern lässt uns erkennen, dass in kurzer Zeit ein hoher, grosser, stattlicher Bau hier stehen wird, der an schönen stilvollen Gebäuden reichen Stadt Marburg zu neuer Zier. Der


