Aufsatz 
Zu Schillers Gedächtnis.
(Ansprache an die Schüler der Anstalt, gehalten am 9. Mai 1905.)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

der Zeit und wollen nicht zur fernen Nachwelt schweben, doch bevor sie verklingen, möchten sie fühlende Herzen erfreuen, mit schöneren Phanta- sien umgeben, zu höheren Gefühlen erheben.

Und so wollen wir auch Abschied nehmen von dem Dichter Schiller, um dem Menschen noch ein Wort der Liebe zu weihen. Denn auch das Bild, das uns von Schiller als Menschen überliefert ist, ist so unendlich reich an Licht, daß der Schatten völlig verschwindet, so liebens- wert, daß wir uns mächtig zu ihm hingezogen fühlen.»Wahrheit und Liebe war die Religion seines Herzens«, sagt seine treue, verständnis- volle Freundin Karoline von Wolzogen, Wahrheit und Ehre der Grundzug seines Charakters. Und den blanken Schild seiner Ehre hat er rein und fleckenlos bewahrt sein ganzes Leben hindurch, dessen weit- aus größter Teil ein Kampf war, eine heldenhafte Gegenwehr gegen das widrige Schicksal.»Von der Wiege meines Geistes an bis jetzt, da ich dies schreibe, habe ich mit dem Schicksal gekämpft«, schreibt Schiller am 16. Dezember 1791 an den dänischen Dichter Jens Baggesen; aber es gelang ihm, diesen schweren Kampf siegreich zu Ende zu führen und so die Wahrheit seines eigenen Wortes:»In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne« durch die Tat zu beweisen.

Und woher schöpfte der Dichter den Mut, diesen ungleichen Kampf aufzunehmen, woher die Kraft, in diesem Ringen nicht zu ver- zagen? Sein hoher Idealismus, sein felsenfester Glaube an den endlichen Sieg des Guten, Wahren und Schönen war der unversiegbare Quelle, aus der er stets neue Kraft schöpfte, wenn Geist und Körper zu erlahmen drohten. Diese hohe, ideale Gesinnung hatte bei ihm alles Niedrige so voll- ständig überwunden, daß Goethe mit vollem Rechte von seinem Freunde sagen konnte:

»Und hinter ihm in wesenlosem Scheine Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.«

Mit solchem Adel der Gesinnung verband sich ein strenges Pflicht- gefüh!, das Schiller als Menschen wie als Dichter in gleichem Maße auszeichnet. Er war der liebevollste Sohn und Bruder, der treueste Gatte und Vater, der edelste, hilfreichste Freund; als akademischer Lehrer widmete er sich, solange es seine Gesundheit zuließ, mit allem Eifer den Obliegenheiten seines schönen Berufes, der ihm willkommene Gelegenheit bot, auch vom Lehrstuhle aus seine hohen Anschauungen von Menschen- geist und Menschenwürde unter der Jugend zu verbreiten. Und auch die Betätigung der ihm von der Vorsehung verliehenen herrlichen Dichter- gabe betrachtele er lediglich als Erfüllung einer ihm auferlegten Pflicht; in demselben an Jens Baggesen gerichteten Briefe, in welchem er erklärt, die ihm von dem Prinzen von Augustenburg und dem Grafen von Schim-