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Diesen Reichtum seines Geistes lernen Sie mit jedem neuen Gedichte, das in den Kreis Ihrer Lektüre tritt, immer mehr bewundern; vor Ihrem geistigen Auge entrollt sich das großartige Welt- und Kulturbild, das der Dichter in seinem»Spaziergang« zeichnet, und das farben- prächtige, ergreifende Gemälde des menschlichen Lebens mit seinen Hoff- nungen und Enttäuschungen, mit seinem Glück und Jammier, das er in seinem unvergleichlichen»Lied von der Glocke« geschaffen hat. Und nicht selten erhebt sich die Phantasie des Dichters ganz über die Welt des Irdischen, um uns in das Reich der Ideale zu führen, das sich vor seinem Seherblick nicht als ein nebelhaftes Traumgebilde, sondern als eine volle, wenn auch ferne Wirklichkeit aufbaut. Wohl muß der Mensch, wenn er dieses Reich gewinnen will, hienieden auf Sinnenglück verzichten und er muß auch alle Angst des Irdischen von sich zu werfen fähig werden; aber wenn ihm dieses gelungen, dann kann sich sein freier Geist zu jenen lichten Höhen erheben, in denen sich alle Mißklänge unseres Erdenda- seins in reine Harmonien auflösen. Und was dem Menschen als Einzel- wesen erreichbar ist, das ist auch der gesamten Menschheit verheißen: nach langem Wandeln auf schwerem Sinnenpfad eine endliche Wieder- kehr zum Lichte, eine endliche Erkenntnis der im Leben vergebens gesuchten Wahrheit, deren Wesensgleichheit mit dem Guten und Schönen, hienieden nur dunkel geahnt, am reifen Ziel der Zeiten sich dem staunenden Auge als Tatsache offenbart.
Aber derselbe Dichter, der uns so versöhnende und beglückende Ausblicke in eine überirdische Idealwelt eröffnet, weiß auch wie kein zweiter das dichterische Bild der Wirklichkeit in seinen Dramen mit so vollendeter, unerreichter Meisterschaft zu gestalten, daß jede zusam- menfassende Würdigung seiner gesamten schriltstellerischen Tätigkeit diese Seite seines Schaffens in den Vordergrund stellt. Und mit Recht; denn hier spricht der Dichter durch sein hinreißendes, zündendes Wort am eindringlichsten nicht nur zu seinem Volke, sondern zu allen gebil- deten Nationen der Welt, deren Gemeingut seine Bühnenwerke längst geworden sind.
Deshalb betrachtet es die Schule auch als eine ihrer wichtigsten Aufgaben, dem Jünglinge auf der höchsten Stufe des Unterrichtes ein grundlegendes Verständnis der dramatischen Schöpfungen des großen Dichters zu vermitteln, welches ihn befähigen soll, sich auch im späteren Leben mit immer reiferem Urteil dem wiederholten Genusse ihrer unvergänglichen Schönheiten hinzugeben. Auch diese Schöpfungen bestätigen auf das glänzendste Schillers eigenes Wort:»Der Begriff der Poesie ist, der Menschheit ihren möglichst vollständigen Ausdruck zu ge- ben⸗; denn wo finden wir einen vollkommeneren Ausdruck der Menschheit,


