— 5—
Gibt es eine höhere, den Menschen erhebendere Wahrheit als die von dem Dichter in den»Worten des Glaubens« verkündete:
»Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, Wie auch der menschliche wanke«?
Diese höchste aller Wahrheiten lehrt uns wie das Leben selbst so das verklärte Spiegelbild des Lebens, die Poesie, und hier spricht kein Dichter eindringlicher und überzeugender zu uns als Schiller: im »Grafen von Habsburg« sehen wir frommen Glauben und demuts- vollen Sinn schon auf Erden durch reichen Himmelssegen gelohnt, in dem»Gang nach dem Eisenhammer« fromme Unschuld vor den Ränken der Bosheit, die sich in ihre eigenen Netze verstrickt, wunderbar beschützt, in den»Kranichen des Ibykus« den Frevler unter dem Einflusse der unbezwinglichen Macht wahrer Poesie entlarvt; im»Ring des Polykrates« lehrt uns die düstere hellenische An- schauung von dem»Neid der Göttere, daß des Lebens ungemischte Freude keinem Irdischen zuteil ward und der Hoffärtige seinen Fall. befürchten muß.
Aber auch die Wirkungen der zwei mächtigsten Triebfedern menschlicher Handlungen, der Pflicht und der Liebe, weiß der Dichter in höchst lebensvollen, ergreifenden Bildern darzustellen. In atemloser Span- nung folgen wir dem heimkehrenden, alle Hindernisse und Gefahren kühn überwindenden Freunde in der»Bürgschaft«, diesem Hohenliede der Freundestreue, die selbst ein hartes Herz zu rühren und zu besiegen ver- mag; mit banger Sorge um das Schicksal des jungen Johanniters erwarten wir im»Kampf mit dem Drachen⸗, jener Verherrlichung des höch- sten Heldentums, des Heroismus der christlichen Demut, das erlösende Wort des Großmeisters:
»Umarme mich, mein Sohn!
Dir ist der härt're Kampf gelungen. Nimm dieses Kreuz. Es ist der Lohn Der Demut, die sich selbst bezwungen.-
Und wie erschütternd wirkt auf uns das Schicksal des kühnen Tauchers, den Liebe und Ehre trotz der furchtbaren Warnung seines Herzens:»Der Mensch versuche die Götter nicht!« zum zweitenmal in die grauenvolle Tiefe treiben, aus der er nicht mehr wiederkehrt!
Hätte uns Schiller nur diese Dichtungen geschenkt, wir müßten ihn als echten Künstler bewundern und zugleich als unsern Lehrer und Erzieher dankbar verehren; und doch bilden seine Balladen nur einen kleinen, wenn auch höchst wertvollen Teil des geistigen Schatzes, den der gottbegnadete Dichter der Nachwelt hinterlassen hat,


