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den Tagen der allgemeinen Trauer um den Unvergleichlichen und Uner- setzlichen das erlösende Wort gefunden:
»Denn er war unser! Mag das stolze Wort Den lauten Schmerz gewaltig übertönen!«
so wird auch die hundertste Wiederkehr des Verklärungstages unseres Dichters allerorten nicht als ein Totenfest, sondern als ein Fest der Freude gefeiert und mit freudigem, stolzem Gefühl dürfen auch wir sa- gen und laut bekennen:»Er ist unser!-
Wenn Sie, meine lieben jungen Freunde, das erstemal die Räume dieser Bildungsstätte betreten, haben Sie von der Bedeutung des großen Mannes, dessen Andenken wir heute feiern, nur eine beschränkte, un- vollkommene Anschauung, aber Sie hören seinen Namen von Ihren Eltern, Ihren Lehrern und Freunden mit Ehrfurcht nennen wie den eines Herr- schers und mit inniger Liebe wie den eines Freundes. Und fürwahr, der Mann, dessen Name schon im Herzen des Knaben das Gefühl scheuer Ehrfurcht, im Gemüte des Jünglings glühende Begeisterung weckt, er ist ein Fürst im Reiche des Geistes und zugleich Ihr Freund und Wohltäter, denn das Vermächtnis, das er der Welt hinterlassen hat, ist auch Ihr Erbe, ein köstliches Gut, das Ihnen, wenn Sie es sich in rechter Weise zunutze machen, reichen Segen bringt.
Dieses Gefühl der Liebe und Dankbarkeit für den edlen, großen Dichter, das ich schon in die Herzen der Jüngsten von Ihnen so tief ein- pflanzen möchte, daß alle Stürme des Lebens es Ihnen niemals zu ent- reißen imstande wären, möchte ich vergleichen mit dem edlen Triebe des Vaterlandsgefühles, den die Schule auch schon in das jugendliche Herz zu senken bedacht ist und der später desto tiefere Wurzeln schlägt, je genauere Kenntnisse Sie von unserem großen, schönen Vaterlande und seiner ruhmreichen Geschichte erwerben.
Nicht anders ist es mit der Kenntnis und Würdigung Schillers, des Lieblings des deutschen Volkes, der deutschen Jugend; je genauer Sie seinen Lebens- und Entwicklungsgang kennen lernen, je mehr sich Ihre Kenntnis seiner Dichtungen erweitert und vertieft, desto höher lernen Sie sowohl den Menschen als den Dichter schätzen, der mit so mäch- tigen Tönen Ihr Herz zu rühren versteht.
Wer von Ihnen wird nicht tief ergriffen durch jene herrlichen dichterischen Bilder, die sich in seinen Balladen in blühender Pracht vor unseren Augen entfalten? Diese Bilder regen nicht nur zu immer erneutem, bewunderndem Betrachten an, sondern auch zu eindringendem, Gemüt und Charakter bildendem Denken; und das ist es, was Schillers Bal- laden einen so hohen poetischen und zugleich erziehlichen Wert verleiht.


