Aufsatz 
Zu Schillers Gedächtnis.
(Ansprache an die Schüler der Anstalt, gehalten am 9. Mai 1905.)
Entstehung
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Zu Schillers Gedächtnis.

Von Direktor Karl Haehnel.

(Ansprache an die Schüler der Anstalt, gehalten am 9. Mai 1905.)

als Friedrich Schiller am 10. November des Jahres 1759 zu Marbach geboren ward; verödet die Fluren, entlaubt die tummt der Vögel tausendstimmiger Chor! Und als der Geist des Herrlichen heute vor einhundert Jahren dem gebrechlichen Körper sich entrang, um einzugehen in die Sphäre des Lichtes, aus der er zur Erde niedergestiegen war, hatte sich diese von neuem geschmöckt mit dem schönsten Maigrün, mit den duftigsten Blumen des Lenzes; und als man sein Sterbliches in stiller Nacht hinaustrug auf den alten Priedhof der Weimarer Skt. Jakobskirche, da grüßten den müden Sänger die- Besten Töne der Natur:»es war eine schöne Mainacht«, berichtet Schil- lers Schwägerin Karoline von Wolzogen;»nie habe ich einen so anhal- tenden und volltönenden Gesang der Nachtigallen gehört als in ihr.-

Wie bedeutungsvoll stehen diese beiden Bilder nebeneinander! Welch mächtiges Wirken und Weben in der Natur vom starren, stum- men Winter bis zur Blütenfülle des klangreichen Frühlings, ein ewig un- ergründetes, niemals ausgesungenes Wunder der Schöpfung und welche nicht minder wunderbare Entfaltung schaffender Geisteskräfte in der kurzen Spanne eines Menschendaseins, das, auf der Höhe des Mannes- alters eine Beute des Todes, die Welt dennoch mit den kostbarsten Gaben beschenkte, deren unvergänglichen Wert für die Menschheit zu be- trachten heute, am hundertsten Todestage Friedrich Schillers, unsere vor- nehmste P̃flicht ist.

Wir haben unsere schlichte Feier mit dem Hymnus an die Freude eröffnet; und mit gutem Grunde. Denn hatte schon Goethe in 1*