Aufsatz 
Der Neubau der Oberrealschule II zu Cassel / von Heinrich Arnolt
Entstehung
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erinnern, die Bürgistraße an einen bedeutenden Astronomen und Mechaniker alter Zeit, während die Ysenburgstraße uns an das nahe Schlachtfeld vor den Toren der Stadt, an Hessentreue und kriegerische Tüchtigkeit gemahnen soll..

Darum wollen wir fröhlich sein und freien, dankbaren Herzens Einzug halten in das neue Haus, das ich übernehme mit dem Gelübde es zu hegen und zu pflegen, soweit und solange meine Kräfte reichen.

Auch allen übrigen hochverehrten Anwesenden, ganz besonders den Herren Ver- tretern hoher Militär- und Zivilbehörden, sowie dem Vorstand des Vereins ehemaliger Realschüler und Oberrealschüler zu Cassel sagen wir für ihre freundliche Anwesenheit in dieser Stunde aufrichtigen Dank. Herzlich verpflichtet sind wir dem genannten Verein für das hochherzige, reiche Geldgeschenk, das uns Herr Karl Bünting mit liebenswürdigen Worten vorhin übergeben hat. Es freut uns aufrichtig, besonders als ein Zeichen treuen Zusammenhaltens aller ehemaligen Real- und Oberrealschüler in Cassel. Der Betrag wird im Sinne der freundlichen Spender verwendet werden, und das kostbare Lehrmittel soll unsern Schülern, vielleicht auch weiteren Kreisen, eine Quelle dauernder Freude und reicher Be- lehrung werden.

Wir erblicken in so schöner und weitgehender Anteilnahme an unserem heutigen Freudenfeste ein angenehmes Zeichen ehrenvollen Vertrauens weiter Kreise unserer Mit- bürger und freuen uns darüber, denn Vertrauen hebt Mut und Kraft und regt zu weiterem, frohem Schaffen an.

Und frisch ans Werk gehen und schaffen wollen wir ja. Den Dank, den wir in dieser Stunde nur schwach in Worten zum Ausdruck bringen können, wollen wir hier in diesem Hause in künftigen Tagen in vollkommnerer Weise durch die Tat bekräftigen. Wir, die Lehrenden, wollen, wie bisher, Männer heranbilden helfen, denen die Furcht Gottes der Weisheit Anfang ist, die wissen, daß sie Werkzeuge nur sind in der Hand eines Höheren, Mächtigeren und daß in der Welt nur das wahre Bedeutung besitzt, was bleibend im Wechsel ist und Ewigkeitswert in sich trägt.

Wir wünschen, daß aus unseren Schülern freie Männer werden, die ihr Vaterland von ganzem Herzen lieben, weil sie sein Werden und Wachsen, seine Größe und Bedeu- tung kennen gelernt haben und die starken Wurzeln ihrer Kraft nur im mütterlichen Grund und Boden der Heimat zu suchen gewöhnt sind.

Wir wollen unsere Schüler zur ernsten Arbeit erziehen und sie, je länger, desto mehr, dazu bringen, daß sie Freude an freiem, selbstgewolltem Tun haben, daß sie den Segen solcher Arbeit spüren und vor allem einsehen, daß nur selbständiges Schaffen volle Befriedigung gewähren kann.

Wir werden unserer Jugend das Beste vermitteln, was die großen Geister aller Zeiten, was eigenes und fremdes Volkstum uns bieten, wir werden suchen, sie geistig selbständig zu machen und ihnen einen wissenschaftlichen Geist einzuflößen, der nicht an der Oberfläche haftet, sondern in Kern und Wesen der Dinge einzudringen sucht und nach den Gründen forscht.

Eingedenk des Bismarck'schen Wortes:Wir lernen zu viel und wollen zu wenig. Aus dem Lernvolk muß ein Tatvolk werden! möchten wir unsere Schüler nicht zu Stuben- hockern und weltfremden Gelehrten erziehen, sondern zu Männern, die sich in der Fülle der Erscheinungen des wirklichen Lebens zurechtfinden können.