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Auch geschichtlichen Sinn, das echte Merkmal wahrer Bildung, wollen wir in unseren Schülern wecken und stärken. Die Gegenwart sollen sie aus der Vergangenheit, als geschichtlich Gewordenes begreifen, die Bedingtheit unserer Kultur durch die früherer Entwicklungsstufen richtig erfassen lernen. Dies erscheint uns als eine besonders schöne und erhabene Aufgabe unseres Lehrerberufs.
Wenn es uns schließlich gelingt, in unserer Jugend Verständnis für die Natur und ihre Gesetze anzubahnen, sie an organische Weltanschauung zu gewöhnen, sie aber auch mit Bewunderung und Bescheidenheit zu erfüllen gegenüber der„geheimnisvoll am lichten Tag wirkenden Natur“, so glauben wir unserer Lehrerpflicht Genüge getan zu haben.
Als Erzieher wollen wir uns bemühen, in unsern Zöglingen nach Kräften gesunde, tüchtige Männlichkeit heranzubilden. Unter solcher Männlichkeit verstehen wir Rüstigkeit, des Leibes, Gewandheit der Glieder und Schärfe der Sinne nicht minder als Klarheit des Verstandes, Lauterkeit des Charakters und Festigkeit des aufs Gute gerichteten Wollens.
Nur solche Männer vermögen einst in des Lebens Stürmen standzuhalten.
Aber zur echten, rechten Männlichkeit gehört auch die wohltuende Wärme eines tiefen und wahren Gefühls, die Fähigkeit zarten Empfindens, sowie freie Opferwilligkeit, für Gutes und Hohes, denn dies alles zusammen erst macht den Menschen fähig, gesellig zu leben und als einzelner der Gesamtheit etwas zu sein.
Haben wir uns nun mit redlichem Willen und nach unsren Kräften bisher schon bemüht, diese hohen Ziele mit der uns anvertrauten Jugend auch in den alten Räumen zu erreichen, so war uns dies doch erheblich erschwert, zum Teil durch die Verhältnisse unmöglich gemacht.
Am 26. November 1900 bezeugte der bekannte Kaiserliche Erlaß unserer Schul- gattung, den Oberrealschulen, die Gleichwertigkeit mit den gymnasialen und realgymna- sialen Schwesteranstalten. In diesem Erlaß wurde indessen an anderer Stelle noch betont, daß nunmehr auch jede Schulgattung die Pflicht habe, ihre Eigenart kräftig zu pflegen.
Wohl haben wir versucht und getan, was möglich war. Aber wie weit blieben wir hinter unsern Wünschen zurück, vor allem auf dem Gebiete der naturwissenschaft- lichen Belehrung unserer Schüler!
Die neue Stätte unserer Wirksamkeit wird uns nun in die Lage bringen, unseren Pflichten besser nachzukommen. Und deshalb, nicht bloß, weil um uns herum alles freier und ansprechender geworden ist, nicht nur, weil die äußeren Formen unseres Arbeitslebens sich schöner und anmutender gestalten werden, freuen wir uns des heutigen Tages so von Herzen.
Doch auch in anderer Hinsicht werden wir von nun an eine erfreuliche Wendung zum besseren spüren.
Unsere Andachten, unsere vaterländischen und sonstigen Feiern werden wir künftig in diesem herrlichen Saale wieder gemeinsam halten können. Hier werden die jungen Seelen beim feierlichen Klange der Orgel einen ganz andren Flug zur Höhe nehmen als bisher. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Sinn für Gemeinschaftsleben wird in jedem, auch dem kleinsten Schüler, angeregt und gekräftigt werden.
Die Schönheit, nicht bloß dieser Aula, sondern des ganzen Gebäudes wird nicht ohne Eindruck auf die jungen Gemüter bleiben und muß naturgemäß auch auf das ethi- sche Gebiet hinüber wirken.
Das Arbeiten in freundlicheren und gesünderen Räumen wird leichter und erfreu- licher sein. Zwei Turnhallen mit dem dazwischen liegenden Turnhofe werden die Freude an körperlicher Betätigung stetig wachhalten. Schließlich werden künftig 14 wohl ausgestattete


