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Räume der Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, dem Beobachten, Messen und Wägen, dem Scheiden und Zusammenfügen offen stehen. Der„Idealismus der schaffenden Tat“ wird hier und in den beiden Zeichensälen, dem Schulgarten, der Werkstätte, den Ein- richtungen zu biologischen und andern Beobachtungen und der Sternwarte eine liebevolle Pflege finden. Die Kraft der auch in den Naturwissenschaften liegenden humanistischen Bildungselemente- und Ziele wird sich auch an unseren Schülern ganz anders wirksam erweisen als in den bisherigen, unzulänglichen, weil für andere, niedriger gesteckte Ziele vor mehr denn 60 Jahren eingerichteten Räumen.
Und so wird es nun hoffentlich auch an unserm Teil gelingen, die Eigenart unserer Schulgattung so kräftig zu pflegen, wie wir alle es wünschen.
Freilich, die vollkommenste Erfüllung aller äußeren Bedingungen zur Erreichung dieses Zieles würden allein diese nicht sicher stellen. Der Geist ist's, der lebendig macht. Nicht Geschütze und Panzerschiffe allein gewinnen Schlachten, sondern der gute Geist, der im Herzen lebt, die Mannszucht, die Ideale, für die man kämpft, die sind's, die zum Siege führen.
Und diesen Geist, diese Zucht, diesen Idealismus wünschen wir auch uns, wünschen wir auch Euch vor allem, liebe Schüler. Laßt mich Euch ein kurzes Wort erzieherischer Treue in einer Stunde zurufen, die selten in Eurem jungen Leben ist und deren Eindrücke hoffentlich bei Euch bleibend sein werden fürs ganze Leben.
Erneuert auch Ihr heute den Vorsatz, im Guten festzubleiben, nach der Wahrheit zu trachten, die da frei macht, das Schöne zu suchen und zu pflegen, wo Ihr könnt. Haltet fest den Glauben an Gottes Heiligkeit, Gerechtigkeit und Güte, bleibt treu Eurem Kaiser und treu Eurem Vaterlande, auch in den Tagen der Gefahren und Stürme. Ge- horchet Euren Lehrern und habt das Vertrauen zu ihnen, daß sie stets und überall Euer Bestes im Auge haben und Euch helfen wollen, daß Ihr— jeder nach seinen Kräften— tüchtige und starke Glieder der tätigen Menschengilde einst werdet, die da helfen können an der Urbarmachung der Welt. Bewahrt Euch ein warmes, fühlendes Herz für Eure Mit- menschen, ganz besonders für die Schwachen und Leidenden. Fliehet Niedrigkeit, meidet, Neid und Zwietracht, suchet innerlich frei zu werden, so daß Ihr ungehindert das Gute tun könnt, erleuchtet Euren Verstand, schärft Euer Gewissen und erwärmt Euer Herz für alle Tugenden reiner Menschlichkeit.
In solchen Vorsätzen stärke Euch der Vater im Himmel und gebe, daß einst für recht viele von Euch die Carlyle'schen Worte gelten mögen:„Blessed he who has found his workl“„Wohl dem, der die rechte Stätte seines Wirkens gefunden!“
In diesem Sinne sei Euch und uns allen diese Stunde des Einzugs gesegnet. Und der Herr, unser Gott, behüte unsern Eingang und Ausgang heut' und allewege!
Zum Schluß sang der Schülerchor den Satz:„Vollendet ist das große Werk“ aus der Schöpfung von Haydn, womit die schöne Feier ihren Abschluß fand.
Nach derselben fand für die Ehrengäste eine Besichtigung aller Teile des Neubaus statt, wobei der Direktor und die Mitglieder des Lehrerkollegiums die Führung übernahmen.
Wenige Tage nach der Einweihungsfeier überbrachte Herr Provinzialschulrat Unruh die folgenden, anläßlich des Festes von Sr. Majestät dem Kaiser verliehenen Auszeichnungen: Den Königlichen Kronenorden III. Klasse für den Direktor, den Roten Adlerorden IV. Klasse für Herrn Professor Dr. Wetzell und den Königlichen Kronenorden IV. Klasse für Herrn Zeichenlehrer Allwohl.


