Aufsatz 
Der Neubau der Oberrealschule II zu Cassel / von Heinrich Arnolt
Entstehung
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könnten den jetzigen nur zurufen:Nützet Eure Schulzeit, nützet jeden Augenblick, denn das bringt Euch köstlichen Gewinn! Im nächsten Jahre werde die Oberrealschule II ihr 25 jähriges Jubiläum als höhere Lehranstalt begehen können. Aus diesem Anlaß hätten die alten Schüler, verbunden mit dem genannten Verein, beschlossen, schon heute einen Betrag von 600 Mark dem Direktor zu übergeben. Das Geld sei in erster Linie dazu bestimmt, die Anschaffung eines größeren Projektionsapparates(Epidiaskops) zu ermöglichen. Es solle, zusammen mit einem von der Stadt bewilligten Betrage von 800 Mark, zum genannten Zwecke verwendet werden.

Es folgte hierauf der Vortrag des Larghettos aus Op. 36 von Beethoven für zwei Geigen, Orgel und Klavier.

Alsdann hielt der Direktor folgende Festrede: Hochverehrte Festversammlung, liebe Schüler!

Gewaltig rauscht in diesem stolzen Jahre der Erinnerungen die Woge des Fest- jubels durch die deutschen Lande. Welch' eine schöne Fülle erhebender vaterländischer Gedenkfeiern! Welch' eine lange Reihe von Festtagen, welch' eine Menge stolzer Er- innerungen! Noch glauben wir die schmetternden Fanfaren des tausendjährigen Geburts- tages unsrer lieben Heimatsstadt von ferne zu hören, und schon wieder rüsten sich weite Kreise unseres Volkes zu einer machtvollen Kundgebung auf Leipzigs Ehrenfeld, die auch hier im Hessenlande und in unseren Herzen ein kraftvolles Echo wecken soll.

Zwischen diese großen Feiern hinein fällt nun der heutige Ehrentag unserer kleinen Gemeinschaft, eines neuen Hauses Weihefest, nicht vergleichbar jenen großen Feiern an innerer Bedeutung und äußerem Glanz, aber doch schön und bedeutungsvoll für uns alle.

Über alle Erwartungen reich für eine solche Zeit ist die Teilnahme am heutigen Feste geworden. Wir freuen uns dessen, wie ja überhaupt der Grundton im Akkord des heutigen Tages helle Freude ist. Denn stolz und stattlich steht der Bau vollendet, der so lange das Ziel der Sehnsucht und der Hoffnung uns gewesen. Nur wer mit uns die Sorgen langer Jahre getragen, mit uns die Zeit durchlebt, da in unzulänglichen Räumen die Hochflut der Schüler nicht enden zu wollen schien, kann wissen, wie schwer diese Verhältnisse auf uns gelastet haben.

Besser und erträglicher gestaltete sich ja unsere Lage nach der Loslösung unserer Tochteranstalt, der Realschule in der Schomburgstraße. Aber noch immer blieb viel, viel zu wünschen, und unsere Hoffnung hob sich erst wieder, als dieser Bau mit seinen schönen, der Spätrenaissance entlehnten, aber doch frei und selbständig gehaltenen Formen dem

Boden entstieg.. Ein wachsender Bau, eine reifende Saat,

Ein grobes Werk, das dem Ende naht, Wer schafft und strebt, dem ist es bewußt, Was das in sich birgt an Wonne und Lust.

Heute nun ist unsre Hoffnung erfüllt, das Gefühl unsrer Freude auf seinem Höhe- punkt. Diesem Gefühl aber gesellt sich das unseres aufrichtigen, innigen Dankes gegen alle, die geholfen haben, Gutes auch schön vollenden. Unser Dank an diesem festlichen Tage gebührt vor allem Gott, dem Allgütigen, der diesen Bau von Anfang an in seinen Schutz genommen, mit seinem Segen begleitet, nennenswerte Unfälle verhütet und alles zum herrlichen Ende geführt hat.