Aufsatz 
Der Neubau der Oberrealschule II zu Cassel / von Heinrich Arnolt
Entstehung
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Hierauf betrat Herr Provinzialschulrat Unruh das Rednerpult und sprach im Auftrage des Königlichen Provinzialschulkollegiums herzliche Glück- und Segenswünsche aus zu diesem Tage der Freude, wo langgehegte Wünsche in Erfüllung gingen. Da die Aufsichtsbehörde in ihrem Streben, den Unterricht zu fördern, durch eine günstige äußere Lage der Schulen unter- stützt werde, so danke er im Auftrage seiner Behörde dem Magistrat der Residenz für das neue, schöne Schulhaus. Indem er sodann auf die großen Forderungen hinwies, die heute ein Schulhaus sowohl in hygienischer Hinsicht wie im Hinblick auf die moderne Entwickelung der naturwissenschaftlichen und der technischen Unterrichtsfächer zu erfüllen habe, beleuchtete er die wichtige Rolle, die die größeren Städte bei der Vervollkommnung der Schulbauten in den letzten Jahrzehnten gespielt haben. Im Anschluß an eine Kußerung des Geh. Oberbaurats O. Delius in seiner Schrift über die staatlichen höheren Lehranstalten in Preußen zeigte er, daß der Staat hier in seinen Leistungen geradezu von den Städten überflügelt werde. Wenn der Staat nun auch bisweilen gegenüber den durch das Vorbild der städtischen Schulbauten gesteigerten Wünschen der staatlichen Anstalten eine schwierige Stellung habe, so könne sich doch die Aufsichtsbehörde des Eifers der Städte nur freuen und ihn durch Anerkennung för- dern; denn so werde Gelegenheit geboten, Mustergültiges zu schaffen, dessen Ausgestaltung und Erprobung dann wieder Fortschritte für alle Schulbauten, auch die staatlichen, herbeiführe. Die schönen neuen Schulbauten Cassels für höhere, Mittel- und Bürgerschulen zeigten, daß auch hier der Wunsch lebe, für die Erziehung und Bildung der Jugend kein Opfer zu scheuen. Da nun solch' große Unternehmungen nur durch das Zusammenwirken aller Beteiligten, hier der Patronatsbehörde, des Bauamtes und des Lchrerkollegiums gelingen könnten, so habe letz- teres durch seine Vorschläge und Angaben einen tätigen Anteil an dem guten Gelingen des Neubaues gehabt und könne heute nicht nur mit Freude, sondern auch mit berechtigtem Stolz auf den schönen Bau blicken. Er wünsche, daß, wie heute, so allezeit Freude in den Räumen des neuen Hauses walten möge, sowohl die Freude unbekümmerter Jugendlust als auch Freude im Sinne jener Worte Schillers:

Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur,

Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr. Eine solche Freude sei die frohe Betätigung einer Kraft, die ihrem Wesen entsprechend wirken kann und sie werde hier herrschen, wenn die Lehrer mit Neigung und Hingebung unterrichten und erziehen und nicht als bloße Unterrichtsbeamten pflichtmäßig arbeiten und wenn die Schüler mit regem Interesse und eifriger Selbstbetätigung, zu der gerade die Oberrealschule in ihren naturwissenschaftlichen Ubungen ein weites Feld biete, arbeiten und streben. Eine Schule, in der sich eine solche freudige Tätigkeit mit ernstem Pflichtbewußtsein paare, werde Jünglinge heranbilden, die nicht bloß als Wisser, sondern auch als Könner ins Leben hinaustreten. Und wenn diese im Bewußtsein der Schranken ihres eigenen erprobten Könnens sich auf größere Kreise, Gemeinde, Staat, Vaterland hingewiesen sehen und über diese irdischen Stützen hinaus nach einer ewigen, nach einer Verbindung mit Gott verlangen, dann werde auch die jetzige und die spätere deutsche Jugend stets von dem Geiste erfüllt sein, der unsere heldenhaften Vorfahren vor 100 Jahren mit dem Rufe hat in den Freiheitskampf ziehen lassen: Mit Gott für König und Vaterland!

Alsdann überbrachte Herr Kaufmann Karl Bünting die herzlichsten Segenswünsche des Vereins ehemaliger Real- und Oberrealschüler zu Cassel, insbesondere die der früheren Schüler der Oberrealschule II. Auch sie alle seien stolz auf das prachtvolle neue Heim ihrer alten Anstalt und dankbar der Residenzstadt Cassel, die es geschaffen. Die ehemaligen Schüler