Aufsatz 
Der Neubau der Oberrealschule II zu Cassel / von Heinrich Arnolt
Entstehung
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25 damals in der Gewerbehalle am Friedrich Wilhelms-Platz untergebracht, im Jahre 1890 erhielt sie einen besonderen Direktor. Als dann Ostern 1898 die inzwischen zur Ober- realschule umgewandelte Realschule I den Neubau in der Kölnischen Straße bezog, sie- delte die Realschule in das dadurch frei gewordene Schulgebäude in der Hedwigstraße über, und die Oberrealschule, deren sechs unterste Klassenstufen dreifach besetzt waren, gab je eine Klasse an die Realschule ab, sodaß diese schon damals in der Unter- und Mittelstufe Parallelklassen hatte. Seit dem Jahre 1906 entwickelte auch sie sich zur Oberrealschule, nach der ersten Reifeprüfung im Jahre 1909 erhielt sie die ministerielle Anerkennung und die Bezeichnung Oberrealschule II. Ostern 1912 mußten bereits die auf der Unter- und Mittelstufe gebildeten dritten Parallelklassen als selbstständige sechs- klassige Realschule abgezweigt und in die Räume des alten Realgymnasiums in der Schomburgstraße verlegt werden.

Schon lange entsprachen die Räume in der Hedwigstraße nicht mehr den neuzeit- lichen Anforderungen, z. B., um nur eines anzuführen, fehlte es an einer ausreichend großen Aula. Deshalb erhielt im Jahre 1908 das Stadtbauamt den Auftrag, Skizzen für eine neue Oberrealschule anzufertigen. Als Bauplatz wurde das den alten Kasselanern wohlbekannte Moeller'sche Grundstück in der Weserstraße erworben und im Frühjahr 1911 mit den Bauarbeiten begonnen. Die veranschlagten Kosten einschließlich des Grund- erwerbs betragen 750 000 Mark.

Der Bau ist im wesentlichen nach dem bewährten Muster des Realgymnasiums ausgeführt und dürfte allen berechtigten Ansprüchen sowohl in sanitärer Hinsicht wie hinsichtlich der Unterrichtsmittel und ihrer Anordnung entsprechen. Wenn er auch frei von allem Luxus ist, so wird er doch einen Schmuck des Ostviertels unserer Stadt bilden, sodaß dieses sich sicher nicht über Vernachlässigung beklagen darf. Durch die Lage des Baugrundstücks haben wir es erreicht, daß die städtischen höheren Knaben- schulen jetzt ziemlich gleichmäßig über die ganze Stadt verteilt und die Schulwege auf ein erträgliches Maß beschränkt sind.

Für den trefflichen Bauplan und seine Ausführung hat die Stadtverwaltung in erster Reihe zu danken dem Herrn Stadtbaurat, Königlichen Baurat Hoepfner und Herrn Stadtbaumeister Arnolt, die uns schon so manchen schönen, zweckmäßigen Schulbau ge- schaffen haben. Dank gebührt aber auch allen anderen städtischen Beamten und Ange- stellten sowie allen Handwerkern und Lieferanten, die an dem Bau geholfen haben.

So übergebe ich denn diesen neuen, schönen Schulbau seiner Bestimmung und empfehle ihn der Obhut des Herrn Leiters der Anstalt und seiner Herren Mitarbeiter. Euch aber, liebe Schüler, lege ich ans Herz, Euch der neuen schönen Räume und ihrer mustergiltigen Einrichtungen würdig zu zeigen, sie pfleglich zu behandeln und einen guten Geist der Ordnung und Selbstzucht sowie ein ernstes Streben nach Bildung und Vervoll- kommnung Eures ganzen Menschen mit in das neue Schulgebäude zu bringen. Die er- hebenden Eindrücke, die Euch die hohen, lichten Räume Eurer neuen Schule geben, sollen veredelnd und anfeuernd auf Euch einwirken, Euch die Liebe zum Schönen, Wahren und Guten, einen ideal gerichteten Sinn noch näher legen, damit allezeit aus dieser Schule Männer im besten Sinne des Wortes hervorgehen, voll ausgerüstet mit Wissen und Tat- kraft, mit Begeisterung für die höchsten Ziele, mit Treue für König und Vaterland, mit Liebe und Aufopferungsfähigkeit für ihre Mitmenschen.