Aufsatz 
Der Neubau der Oberrealschule II zu Cassel / von Heinrich Arnolt
Entstehung
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3. Bericht über die Einweihungsfeier der neuen Oberrealschule II am 14. Oktober 1913.

In der Frühe des Festtages, des 14. Oktober 1913, um 9 Uhr, waren sämtliche Schüler und Lehrer der Oberrealschule II auf dem Hofe des alten Schulgebäudes in der Hedwigstraße versammelt. Der Direktor wies in einer Ansprache auf die große Bedeutung der Stunde hin, die einen Markstein in der Entwickelung der Anstalt bedeute. Es zieme sich, heute zunächst dankbaren Herzens in die Vergangenheit zu schauen, denn es gelte, Abschied zu nehmen von alten, vielleicht in mehr als einer Hinsicht unbefriedigenden Verhältnissen, Abschied zu nehmen aber doch auch wieder von vertrauten, durch die Gewohnheit und manche schöne Erinnerung liebgewordenen Räumen. Abschied zu nehmen gelte es auch von dem treuen, alten Schuldiener Herrn Schindehütte, der viele Jahre lang mit Willigkeit, Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit, seines Amtes gewaltet habe und allen denen, die ihn gekannt, lange im Gedächtnis bleiben werde. Auf der Brust des alten Kriegsveteranen prange neben mancherlei anderen Auszeichnungen und dem vor wenig Tagen erst ihm verliehenen Allgemeinen Ehrenzeichen in Silber das 1870/71 erworbene Eiserne Kreuz. Bekannt sei sein tapferes und entschlossenes Verhalten im deutsch-französischen Kriege, das für alle, insbesondere für die Jugend, vorbildlich sein solle. Die Residenzstadt Cassel habe die Leistungen des Herrn Schindehütte stets anerkannt, ebenso die Oberrealschule II, die ihm stets ein ehrendes Gedenken bewahren werde und ihm einen langen, sonnigen Lebens- abend herzlichst wünsche.

An diese Abschiedsworte schloß der Direktor dann die Aufforderung, hinauszuziehen aus dem alten Heim und gemeinsam in das neue, prächtige Haus an der Ysenburgstraße zu marschieren, in dem die Anstalt einer hoffentlich glücklichen und gesegneten Zukunft entgegen gehen werde. Unter Vorantritt des Trommler- und Pfeiferkorps bewegten sich Lehrer und Schüler in fröhlichem Zuge durch die Hedwig-, Untere Königs- und Bremerstraße, über den Möncheberg nach dem Neubau.

Um 11 Uhr begann in der Aula des festlich geschmückten Hauses die Einweihungsfeier. Festgäste hatten sich in großer Zahl eingefunden. Unter ihnen bemerkte man den Regierungs- präsidenten, Herrn Grafen von Bernstorff, den Direktor des Kgl. Provinzialschulkollegiums, Herrn Ober- und Geheimen Regierungsrat Dr. Pachler, die Provinzialschulräte, Herren Geh. Re- gierungsrat Dr. Kaiser, Kanzow und Unruh, Herrn Generalsuperintendenten D. Pfeiffer, Ver- treter der katholischen Geistlichkeit und Herrn Landrabbiner Dr. Doctor.

Ferner waren erschienen Vertreter der Militär- und Staatsbehörden, unter ihnen der Intendant des XI. Armeekorps, Herr Wirkl. Geheimer Kriegsrat Brünig, Leiter und Leite- rinnen der höheren Lehranstalten von Cassel, Rektoren der Bürgerschulen sowie Vertreter des Magistrats, der Stadtverordneten-Versammlung und der Verwaltungskommission der Anstalt.

Zum Beginn der Feier sang die ganze Versammlung unter Orgel- und Posaunenbegleitung zwei Strophen des ChoralsLobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren. Hierauf trug der Obersekundaner Karl Müller folgenden vom Unterzeichneten verfaßten Willkommensgruß vor: