Aufsatz 
Fortgesetzte Betrachtung über den Wert der Kleinigkeiten bei dem Geschäfte der Erziehung und des Unterrichts der Jugend
Entstehung
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Schicklichkeit und Anſtand dem Menſchenforſcher zu verratben pflege. Oft urtheilen wir aus gewiſſen unbedeutend ſcheinenden Außerungen uͤber die Menſchen, ohne uns der Gruͤnde unſerer Urtheile ſelbſt recht bewußt zu ſeyn. Daß manche beſonders junge Perſonen, bei dem erſten Anblicke etwas ſehr gefallendes und einnehmendes, andere etwas misfaͤlliges und zuruͤckſtoßendes an ſich haben, das fuͤhlt, das weiß jedermann: aber nur der geuͤbtere und ſchaͤrferſehende Forſcher bemerkt in den Geſichtszuͤgen, den Mienen, der Stimme oder Sprache und dem ganzen Benehmen dieſer Menſchen manches Unnennbare und Unerklaͤrliche, das bei dem Einen ein gutes menſchenfreundliches, aufrichtiges und edles Gemuͤth, bei dem Andern hingegen eine falſche, tuͤckiſche und boshafte Sinnesart auszudruͤcken ſcheint. Durch nichts aber verraͤth ſich die Seele mehr, als durch die Augen: wer die Kunſt in dieſen zu leſen verſteht, der wird uͤber den wahren Charackter eines zjungen Menſchen nicht lange im Zweifel bleiben. Er wird zu dem Ende die, welche er genau kennen zu lernen wuͤnſcht, beſonders in ſolchen Gemuͤthszuſtaͤnden beobachten, wo ſie ſich ſelbſt nicht genug in ibrer Gewalt haben, um das, was im Innern ihres Herzens verborgen iſt, recht geheim zu halten; z. B. wenn ſich ihre Seele mit einer Sache von Wichtigkeit beſchaͤftigt; wenn ſie etwas mit Ungeduld erwarten; wenn ihnen ein unvermuthetes Gluͤck oder Ungluͤck widerfahren iſt u. ſ w., hier verraͤth oft eine Miene, ein ſchnel entfahrendes Wort, ein Ausruf, ein Ausbruch der Freude, des Schmerzes, des Unwillens, die geheimſten Geſinnungen und Wuͤnſche, die der Menſch in einer

ruhigen Gemuͤthsfaſſung auf das Geſchickteſte zu verbergen weiß.

Doch ein laͤngeres Verweilen bei dieſen Betrachtungen würde nich

lu weit fuͤhren. Nur erlaube man mir noch folgende Bemerkung. Man