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Kein Menſchenbeobachter wird ohne Verwunderung wahrnehmen, welche ganz verſchiedene Eindruͤcke eine und dieſelbe Sache auf mehrere Perſonen zu machen pflegt. Er verſuche es, eine Geſellſchaft von jungen Menſchen mit einem Gegenſtande des Nachdenkens zu unterhalten. So deutlich auch ſein Vortrag iſt, ſo viel Muͤhe er ſich auch giebt, alle ſeine Zuhoͤrer fuͤr den Gegenſtand zu intereſſiren; ſo wird er doch nicht bei allen gleichen Erfolg wahrnehmen. Waͤhrend Einige durch ein ruhiges, ſtilles Aufmerken zu erkennen geben, daß ſie zu einem anhaltenden Nachdenken und zu ernſthaften Geiſtesbeſchaͤftigungen ſowohl natuͤrliches Geſchick als auch Neigung und Luſt haben, werden Andere durch ein zerſtreutes, unruhiges Weſen, oder doch durch ſicht: bare Merkmahle einer gewiſſen Gleichguͤltigkeit an den Tag legen, daß ſie zu anhaltenden Verſtandesbeſchaͤftigungen weder Tauglichkeit noch Neigung beſitzen.— Oder er leſe ihnen eine ruͤhrende Erzaͤhlung vor, die das Herz und das moraliſche Gefuͤhl jedes guten Menſchen anſpricht. Wie oft wird er Urſache finden, uͤber den Kontraſt zwiſchen der empfindungsloſen Gleichguͤltigkeit, mit der Einige, und der tiefen Nuͤhrung, womit Andere ſie anhoͤren, zu erſtaunen! Sind das Kleinig⸗ keiten? O nein! es ſind wichtige Aufſchluͤſſe uͤber die Empfindungs⸗ und Denkungsart der jungen Weltbuͤrger; uͤber das, was ſie wahr⸗ ſcheinlicher Weiſe dereinſt als Maͤnner ſeyn werden; zu welchen Geſchaͤften ſie beſſer als zu andern taugen; zu welchen Tugenden oder Laſtern ſie vor andern geneigt ſeyen.— Ich wuͤrde zu weitläuftig werden, wenn ich im Einzelnen zeigen wollte, durch welche Kleinigkeiten ſich die Anlage zur Niedertrͤchtigkeit oder zur Ehrliebe, zur Kargheit oder zur Freigebigkeit und Wohlthaͤtigkeit, zur Traͤgheit oder zur Thaͤtig⸗ keit und zum Fleiße, ein feiner oder ein roher Geſchmack fuͤr Schoͤnheit, e Schick⸗


