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Man ruͤhmt an dem weiblichen Geſchlechte uͤberhaupt— und wie ich glaube, nicht mit Unrecht— einen feinern Takt, ein ſchnelleres und richtigeres Gefuͤhl, und eine gluͤcklichere Gabe, die Menſchen— nicht etwa bloß in Abſicht auf Eleganz, Schicklichkeit und aͤußern Anſtand, ſondern auch in Abſicht auf innere Vorzuͤge und Maͤngel des Gemuͤ⸗ thes— aus Kleinigkeiten zu beurtheilen, bei allerhand kleinlichen Veranlaſſungen in den Reden, Handlungen und dem ganzen Betragen, die hundert Maͤnnern entgehen, mit ſchnell treffendem Scharfblicke die Herzen zu durchſchauen und die Perſonen mit welchen ſie umgehen, nach ihren Vorzuͤgen und Fehlern im Ganzen ſehr richtig zu charakte⸗ riſiren. Vielleicht daß dieſer durchdringende Blick, dem nicht leicht
eine Kleinigkeit entgeht, nicht mehr in einem natuͤrlich feineyn Empfin⸗
dungs⸗ und Wahrnehmungsvermoͤgen des Frauenzimmers, als in dem Umſtande ſeinen Grund hat, daß, da das weibliche Geſchlecht vermoͤge ſeiner Beſtimmung genoͤthigt iſt, ſich mit vielen Kleinigkeiten des taͤglichen Lebens abzugeben, es ſich natuͤrlich gewoͤhnt, uͤberhaupt mehr auf das Kleinliche zu achten, als die Maͤnner, die gewoͤhnlich
ganz andere Dinge zu beſorgen und zu thun haben. Dem ſey nun aber
wie ihm wolle! So viel iſt doch gewiß, daß die Muͤtter, vermoͤge ihres Berufes, die fruͤheſte Erziehung der Kinder faſt allein zu beſorgen, und zu dem Ende ihre Kleinen faſt immer um ſich zu haben, weit mehr als die Vaͤter im Stande ſind, ſie aus tauſend und aber tauſend bei unzaͤhlig vielen Veranlaſſungen vorkommenden Kleinigkeiten„ in
phyſiſcher, intellektueller und moraliſcher Hinſicht, durchaus kennen zu lernen. Wohl euern Kindern, an Geiſt und Herz gebildete Muͤtter!
wenn ihr ſie, dieſer Kenntnis gemaͤß, fern von weichlicher Schwaͤche und von blinder, keines Widerſtandes und keiner Weigerung faͤhiger antte 3 Liebe,
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