12—— ten Menſchenquaͤlern aufwachſen. Wenn ihr endlich bemerkt, daß ein junger Menſch bei dem Anblicke fremder Leiden ungeruͤhrt bleibt; daß er wohl gar uͤber ungluͤckliche Perſonen, zumal uͤber ſolche, die von geringem Stande ſind, lachen kann; daß er an der Qual der Thiere*) oder auch an der Verwuͤſtung, die er in der lebloſen Schoͤ⸗ pfung anrichtet, an Zerſtoͤrung der Pflanzen, Blumen und unreifer Fruͤchte, an der Beſchaͤdigung der Baͤume oder uͤberhaupt an dem Verderben brauchbarer und nuͤzlicher Dinge ſeine Freude hat: ſo werdet ihr dieſem jungen Menſchen nicht Unrecht thun, wenn ihr in dem allem Merkmahle einer gewiſſen natuͤrlichen Haͤrte und Unempfind⸗ lichkeit des Gemuͤthes wahrzunehmen glaubt; und ihr wuͤrdet einen großen Theil der Schuld von der voͤlligen Verwilderung eines ſo hart⸗ berzigen Menſchen tragen, wenn ihr nicht alles thun wolltet, um die ſanftern Gefuͤhle der Menſchlichkeit und der Sympathie, woran doch keine menſchliche Seele ganz leer iſt, in ihm zu wecken, zu pflegen, zu ſtaͤrken und auszubilden, damit dieſe zulezt, wo moͤglich, die Ober⸗ hand uͤber jene natuͤrliche Haͤrte gewinnen moͤgen. G 1 Ich weiß wohl, daß es viele Eltern giebt, welche durch den Ge⸗ meinſpruch:„Der Verſtand kommt nicht vor den Jahren!“ jede Ermahnung, in der Erziehung ihrer Kinder doch ja nichts zu verſaͤumen, zuruͤck⸗
*)„Menſchen, die gern das Blut der Thiere vergießen, ſagt Montaigne, „verrathen dadurch einen natuͤrlichen Hang zur Grauſamkeit. Nachdem man „ſich erſt zu Rom gewoͤhnt hatte, ohne Widerwillen den Thierhetzen zuzuſehen, kam die Reihe in den Gladiatorſpielen an die Menſchen. Ich fange ſelten „ein Thier lebendig, faͤhrt er fort, ohne es auf der Stelle wieder in Freiheit „zu ſetzen: und pythagoras kaufte lebende Thiere von Fiſchern und Vogel⸗ „fängern, um es mit ihnen eben ſo zu machen.“


