Aufsatz 
Fortgesetzte Betrachtung über den Wert der Kleinigkeiten bei dem Geschäfte der Erziehung und des Unterrichts der Jugend
Entstehung
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Aber ſoll man denn die jugendliche Seele hauptſaͤchlich nur aus Kleinigkeiten kennen lernen? Waͤre es nicht beſſer, man richtete ſeine Aufmerkſamkeit lieber auf die wichtigern Außerungen ihrer Ver⸗ nmoͤgensarten und Neigungen? Wuͤrde man ſich nicht auf dieſem Wege eine ausgebreitetere und fruchtbarere Kenntnis der jugendlichern Gemuͤther uͤberhaupt, und der Individuen, mit welchen man es zu thun hat, insbeſondere verſchaffen koͤnnen 20 Hierauf antworte 4 ich fuͤr das Erſte: In dem Jugendleben eines Menſchen, vornehmlich in den erſten Perioden deſſelben, kommt beinahe nichts als Kleinigkeiten vor; kleinliche Wuͤnſche, Neigungen und Beſtrebungen; kleinliche Entwuͤrfe und Beſchaͤftigungen; kleinliche Affekten und Leidenſchaften; kleinliche Sorgen, Bekuͤmmerniſſe und Hoffnungen, Furcht, Betruͤb⸗ nis, Freude uͤber Kleinigkeiten; kurz, tauſend in den Augen der Er⸗ wachſenen ſo unwichtige Dinge, daß ſie dieſen oft kaum des Nennens werth, nicht ſelten ſogar laͤcherlich erſcheinen. Iſt hieraus nicht offenbar, daß, wenn Eltern und Erzieher die Geiſtes⸗ und Gemuͤthsart des Knaben nicht in Kleinigkeiten ſtudiren wollten, ſie auf dieſe Kenntnis gaͤnzlich Verzicht thun muͤßten? Fuͤr das Zweite ſind Kleinigkeiten bei dem Menſchenſtudium auch aus dem Grunde ſo uͤberaus bedeutend, weil die meiſten Perſonen ſich bei Kleinigkeiten viel eher bloß geben und das, was in ihrem Innern verborgen iſt, verrathen, als be, wichtigern Dingen, wo ſie ſich ſchon mehr Zwang anthun um ſich zu verſtellen. Bei Kleinigkeiten, bei den geringern Ereigniſſen des Lebens,i achten ſie es nicht der Muͤhe werth, eine Maske vorzunehmen; vornemlich gilt dies von der Jugend, die in der beilloſen Kunſt der Heuchelei und Gleisnerei noch nicht ſehr geuͤbt iſt; und in ſolchen Nachlaͤßigkeiten muß man den Menſchen gleichſam auflauern, wenn

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