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ein traͤges, lernſcheues, flatterhaftes, oder als ein tuͤckiſches, halsſtar⸗
riges Weſen geſchildert hatte, ganz gegen ſeine Erwartung, als einen
gelehrigen, lenkſamen und gutartigen jungen Menſchen kennen zu lernen. So viel kommt auf eine dem Genie und Chatatte eines jeden angemeſſene Behandlung an! 3
Wenn nun aber auf den Bericht derer, welche die fruͤhere Erzie⸗ hung eines jungen Menſchen beſorgt haben, oft ſo wenig zu bauen iſt; ſo bleibt wohl nichts anders uͤbrig, als daß der, dem daran liegt/ ſeine jungen Leute— eigene Kinder, oder Zoͤglinge und Schuͤler— nach Moͤglichkeit kennen zu lernen, ſich ſelbſt auf das Beohachten lege; daß er bei jeder Gelegenheit auf alles aufmerkſam ſey, was dazu dienen kann, ihn mit den Faͤhigkeiten oder Unfaͤhigkeiten ihres Geiſtes, mit den guten und den ſchlechten Seiten ihres Charackters, und den ihnen durch Bildung oder Verbildung mitgetheilten Tugenden oder Unarten von Tag zu Tag beſſer bekannt zu machen. Und hier behaupte ich nun, daß es mehrentheils ſogenannte Kleinigkeiten ſind, durch deren ruhige, genaue und wiederhohlte Beobachtung eine richtige, vollſtaͤndige und brauchbare Kenntnis des jugendlichen Gemuͤthes erworben werden muß. Die Beobachtung, ſage ich, muß ruhig, genau oder ſorgfaͤltig ſeyn, und oft wiederhohlt werden. Denn ein oberflaͤchliches Verfahren bei einer ſo wichtigen Sache— wo man es theils an der gehoͤrigen Aufmerkſamkeit und Sorgfalt fehlen laͤßt/ theils ſich mit einem ein⸗ maligen Beobachten begnuͤgt— giebt gewoͤhnlich ſehr falſche Reſultate: ein uͤbereiltes Urtheil iſt ſelten ein wahres Urtheil; und wenn es wahr iſt, ſo gebuͤhrt der Dank dafuͤr eher dem blinden Zufalle, als der Geſchicklichkeit des Beobachters und Beurtheilers.—
„ Aber


