Aufsatz 
Fortgesetzte Betrachtung über den Wert der Kleinigkeiten bei dem Geschäfte der Erziehung und des Unterrichts der Jugend
Entstehung
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zu liebenswuͤrdiger Zug der menſchlichen Natur, als daß man nicht geneigt ſeyn ſollte, ſo manchen aus ihr entſpringenden Fehler zu uͤber⸗ ſehenz und daß man nicht mehr mit Bedauern als mit Unwillen bemerken ſollte, von welchen oft unabſehbaren traurigen Folgen hier die Taͤuſchung iſt. Aber darum iſt es doch nicht weniger wahr, daß unzaͤhlig viele Vaͤter und Muͤtter ſich ſelbſt und Andere, die das Geſchaͤft der Bildung ihrer Kinder mit ihnen theilen ſollen, auf eine leider! fuͤr dieſe ſelbſt hoͤchſt nachtheilige Weiſe hintergehen. Wie mancher Fehler der Natur oder der Verbildung wird bei dieſer. Beurtheilung ganz außer Acht gelaſſen! wie mancher wird ſo geſchickt beſchoͤnigt, daß er eher in das Gebiet der Tugenden als der Fehler zu gehoͤren ſcheint! Die Geſchicklichkeit vieler Eltern in dieſer Beſchoͤni⸗ gungskunſt, und ihre Gabe, allerhand gutklingende Nahmen fuͤr die Unarten ihrer Kinder zu erfinden, iſt in der Thar bewundernswuͤrdig. Da heißt ein laͤppiſches und flatterhaftes Weſen ein munterer. offener KRopf; Muthwille und Ungezogenheit ein lebhaftes Gemuͤth; die Fertigkeit in allerhand loſen Streichen ein vor⸗ treffliches Genie, aus dem in der Welt etwas Tuͤchtiges werden kann; die ungluͤckliche Gewohnheit, Andere zu necken und zu verſpotten feiner Wiz; eine aus dem Mangel alles eigenen Charackters herruͤhrende nachgiebige Schwaͤche, die ſich zu allem bereden laͤßt, es ſey boͤſe vder gut ein lenkſames Gemuͤth, ein gutes Zerz; Buͤbereien und Schaͤndlichkeiten, die leicht den Weg zum Galgen und Rade bahnen koͤnen verzeihliche Jugendſtreiche. Doch ich mag dieſes Verzeichnis von Euphemismen oder mildernden Ausdruͤcken, welche die ſoll ich ſagen Afterliebe oder Affenliebe vieler Eltern erfindet, um ſich ſelbſt und Andere zu tauſchen, nicht weiter fortſetzen! Ein 98 ver⸗