—°— 5 Naturanlagen nicht recht oder gar nicht kennt, in Gefahr ſtehen, dieſem, anſtatt ſeine Geſundheit an Kopf und Herz zu erhalten, oder, wofern ſie ſchon zerruͤttet iſt, wiederherzuſtellen, einen voͤllgen geiſtigen und— moraliſchen Tod zuzuziehen. e mahn 3 Eben ſo wichtig iſt es, daß der, welcher an der Geiſtes⸗ und Her⸗ zenskultur eines jungen Menſchen arbeiten ſoll, wiſſe, was bisher— durch Erziehung, Lehre, Umgang, Beiſpiele, Schickſale u. d. gl.— an ihm gebeſſert oder verdorben worden ſey. Wie kann er, ohne daß ihm alles dies genau bekannt iſt, auf die ſchon gelegten guten Gruͤnde weiter bauen? wie das Verſaͤumte nachhohlen? wie den durch Verziehung, Verwoͤhnung, Verbildung und Verfuͤhrung
etwa ſchon geſtifteten Schaden wieder gut machen?
Aber von wem ſoll der Erzieher oder Lehrer den jungen Menſchen, der ſeiner Leitung anvertraut wird, von allen dieſen Seiten kennen lernen? Etwa von ſeinen Eltern, oder andern Perſonen, die bisher
mit ihm umgegangen ſind, und ſeine Erziehung oder— Verziehung
beſorgt haben? Dies ſcheint freilich das Natuͤrlichſte zu ſeyn. Aber wie oft fehlt es ſolchen Menſchen gaͤnzlich an der Gabe, jugendliche
Gemuͤther nach der Wahrheit zu beurtheilen, die Anlagen ihres Genie's,
ihres Charackters, ihres Temperaments gehoͤrig zu entdecken, und von
ihren Vorzuͤgen, Maͤngeln und Beduͤrfniſſen ſich und andern richtige
Begriffe zu machen! Außerdem, daß manchen Perſonen eine gewiſſe Ungeſchicklichkit in der Menſchenſchaͤtzung uͤberhaupt natuͤrlich und gleichſam angeboren iſt, findet ſich bei vielen Eltern insbeſondere der fatale Umſtand, daß ſie zu allem in der Welt beſſer taugen, als zu einer richtigen und unpartheiiſchen Beurtheilung ihrer eigenen Kinder. Die voͤterliche und muͤtterliche Zaͤrtlichkeit iſt freilich an ſich ein viel
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