Aufsatz 
Fortgesetzte Betrachtung über den Wert der Kleinigkeiten bei dem Geschäfte der Erziehung und des Unterrichts der Jugend
Entstehung
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Ich ſetze bier voraus, welches kein Menſchenkenner laͤugnen wird, daß die Natur ſelbſt jedem Sterblichen urſpruͤnglich, außer denen Ver⸗ mogensarten, die alle Menſchen mit einander gemein haben, gewiſſe beſondere, ihn von allen andern Individuen mehr oder weniger unter⸗ ſcheidende Dispoſitionen des Erkenntnis⸗ Empfindungs und Begehrungs⸗ vermoͤgens mitgetheilt habe; daß mithin die Seele bei der Geburt eines Menſchen nicht, wie ſich manche vorſtellen, einer ganz glatten Wachs⸗ tafel aͤhnlich ſey, ſondern daß ſich vielmehr von Anbeginn gewiſſe Grundzuͤge in derſelben finden, die ſich durch alle Muͤhe der Erziehung oder Verziehung nie ganz austilgen laſſen; daß der Triumph der Erziehungskunſt darin beſtehe, ſich der Natur ſo geſchickt anzuſchmiegen, daß ſie das, was dieſe dem Menſchen bei ſeinem Eintritte in das Leben an Geiſtes⸗ und Herzensanlagen mitgegeben hat, zu ſeiner intellektuellen, ſittlichen und aͤſthetiſchen Kultur kluͤglich benutze, und die ihm etwa urſpruͤnglich eigenen Dispoſitionen zu fehlerhaften oder doch einer ver⸗ derblichen Ausartung leicht unterworfenen Neigungen oder Leidenſchaften fuͤr Tugend und Gluͤckſeligkeit ſo unſchaͤdlich als moͤglich mache. Soll das die Erziehung leiſten; ſo muß ſie doch wohl die Subjekte, mit welchen ſie es zu thun hat, nach allen denen Ruͤckſichten, in welchen ſie die Natur entweder vor Andern bedacht oder vernachlaͤßigt zu haben ſcheint, genau kennen. Ein Erzieher, dem es an dieſer Kenntnis gebricht, wird es nicht uͤbel deuten, wenn wir ihn mit einem Arzte vergleichen, der ſowohl mit der natuͤrlichen Koͤrperkonſtitution als auch insbeſondere mit dem gegenwaͤrtigen Krankheitszuſtande ſeines Patienten zu wenig bekannt iſt. Wie dieſer, bei allem guten Willen ſeinen Kranken wieder herzuſtellen, ihn gewoͤhnlich in kurzer Zeit auf den Kirchbof befoͤr⸗ dert; ſo wird auch der Erzieher, welcher ſeinen Zoͤgling nach ſeinen

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