Stelle treten die Particulargewalten, unendlich viele und kleine ſelbſtändige Gewalten, losge⸗ löſte Atome der alten Stammesherzogtümer, ohne nationalen Geiſt und ohne nationalen Schwung! Particularismus an Stelle der Zentralgewalt, das war die Signatur von 1250 ab.
Die Jahrhunderte kommen und die Jahr⸗ hunderte gehen, und was ſie bringen iſt Not und Elend, Schmach und Verzweiflung. Der Fremde kommt und raubt das wehrloſe Land, er macht ſich heimiſch an den Ufern unſeres ſchönſten Stromes, ergreift Beſitz von den Mündungen der deutſchen Flüſſe. Reiche Städte, herrliche Schlöſſer, ehrwürdige Dome, heilige Kaiſergräber werden eine Beute raub⸗
und frevelluſtiger fremder Troßknechte. Denn der Schwache erfährt jede Behandlung. Ein
ſolches Elend nach ſolcher Vergangenheit! Kein Wunder, wenn das Volk herausflüchtet aus ſolcher Gegenwart, ſich zurückträumt in die ſtolze Vergangenheit und mit ſehnendem Her⸗ zen eine ſchönere Zukunft erhofft. So bildete ſich die Kyffhäuſerlegende.„Er hat hinab⸗ genommen des Reiches Herrlichkeit!“ Tief in den Schoß des Kyffhäuſer hat ſich der ſtolze Kaiſer Friedrich verborgen und mit ihm alles, was die Nation beſaß an Koſtbarem und Idealem: die Ritter, Sänger und Dichter, Kunſt und Minneſang. Alles, alles was das arme Volk an Schönem und Edlem noch hatte, alles vergrub es in dieſen heiligen Berg; das ſollte wenigſtens bewahrt bleiben vor den Fremden, hier hinein ſollte keine fremde Hand greifen. Treu behütet von dem frommen Glauben des Volkes ſchlummerte ſein Beſtes in tiefer Erde.—
Lange Jahrhunderte! Bis der große Morgen hereinbricht!„Er wird einſt wiederkommen mit ihr zu ſeiner Zeit.“ Dieſe fromme Hoff⸗ nung trug das Volk hinweg über ſeine böſeſten Tage. Und konnte dieſe Hoffnung trügen? Ein Volk von ſolcher Vergangenheit, ein Volk, das bei all' dem Elend noch die Kraft beſaß, die chriſtliche Religion aus ſich heraus neu zu be⸗ fruchten, ein Volk, das einen Krieg von 30 Jahren ohnegleichen ertragen konnte: ein ſolches Volk konnte nicht untergehen. Und in demſelben Jahrhundert, wo dieſer gräßliche Krieg alles verſchlang, was der Deutſche noch beſaß an Kraft und Wohlhabenheit, Lebensluſt und Schaffensfreude: in derſelben Zeit wird im Oſten der Staat, der Deutſchlands Zukunft,
Kraft und Größe iſt. Aus den verſchiedenſten zerſtreut herumliegenden Territorien, die der Zufall der Weltgeſchichte ihm in die Hand ge⸗ ſpielt hat, ſchuf der Große Kurfürſt ſeinen Staat. Ein ſtattliches Haus hat dieſer Bau⸗ meiſter gebaut, feſt, den furchtbarſten Stürmen trotzend: ſo erſcheint der brandenburgiſch⸗preu⸗ ßiſche Staat. Nur aus ihm konnte Deutſchland Segen erblühn, aus ihm ganz allein. Denn Sachſen, das ein Jahrhundert vorher noch die führende Stellung in Norddeutſchland innegehabt, war mit Polen, einer ſlaviſchen Macht alſo, in die engſte Fühlung getreten, und was Oeſterreich unter ſeinen Ferdinanden den Deut⸗ ſchen geweſen war, das wurde nicht ſo leicht vergeſſen. Und Habsburgs Politik war es, die immer und immer wieder den Weiterbau des preußiſchen Staates zu hindern ſuchte. Unter dem großen Kurfürſten. Unter Fried⸗ rich I. Und ganz beſonders unter Friedrich Wilhelm I. Da begann die Zeit der Allianzen, d. h. der größten Niederträchtigkeiten, wo die ſchlaue Habsburg Verträge ſchließt, um ſie im nächſten Augenblick zu brechen, wo es den kindlich⸗ehrlichen Sinn des preußiſchen Königs ausnützt, der zu zage war, zum Schwert zu greifen, der von der Welt und ihrem böſen Lauf nichts wußte.
Doch die Stunde der Abrechnung war ge⸗ kommen, als der betrogene König am 31. Mai 1740 die Augen ſchloß und ſein Sohn Fried⸗ rich II. den Thron beſtieg. 28 jährig, ein fer⸗ tiger Mann. Früh gereift wie alle Menſchen⸗ kinder, deren Jugend nicht die Sonne der Liebe beſtrahlt. Ein heiliges Vermächtnis erbt er vom Vater: abzurechnen mit dem Hauſe Habs⸗ burg. Kaum ſind die erſten Regierungsgeſchäfte geordnet, da ſteht er mit gezücktem Schwert an Schleſiens Grenze, Einlaß heiſchend, das Land begehrend, von der jungen Kaiſertochter, Maria Thereſia. Im ernſten Kampfe von welthiſtoriſcher Bedeutung treten ſich hier die Häuſer gegenüber, die von nun ab um Deutſch⸗ lands Führerſtelle kämpfen und ringen, ein Jahrhundert lang: Hohenzollern und Habsburg. Das eine kämpfend für alte hiſtoriſche Tradition, ſeine Kaiſerſtellung in Deutſchland zu behaupten, das andere im revolutionären Drang, neue, lebenskräftige Erſcheinungen ins Leben zu rufen anStelle alter, abgenutzter,lebensmüder Zuſtände. Und die ſchöne Siegesbeute in dieſem Kampfe iſt Schleſien, und ſie fällt dem kühnen An⸗


